Anlagechancen in der digitalisierten Zukunft

Carsten Mumm
Carsten Mumm

Marktkommentar von Carsten Mumm, Donner & Reuschel

Deutschland ist in Sachen Digitalisierung kein Vorreiter – das zeigen beispielsweise die nach wie vor nicht flächendeckend vorhandenen Breitband-Kapazitäten. Die Ansprüche der digitalisierten Zukunft können so auf Dauer nicht befriedigt werden. Daher hat der heutige Kanzleramtsminister Helge Braun schon im März dieses Jahres angekündigt, zukünftig nur noch den reinen Glasfaserausbau und keine Kupferkabel mehr zu fördern – ein wichtiger Schritt. Angesichts der dringend notwendigen und bereits laufenden Digitalisierung des Herzstücks der deutschen Volkswirtschaft, dem Mittelstand mit einem Schwerpunkt auf dem produzierenden Gewerbe, ist dieser Fokus der Bundesregierung wichtig.

Die erste Welle der Digitalisierung, das Geschäft mit dem privaten Endverbraucher, hat nahezu ohne deutsche Beteiligung stattgefunden. Sowohl Smartphones als auch Suchmaschinen, soziale Medien – zumindest mit internationaler Verbreitung – und Online-Handelsplattformen haben sich aus dem Silicon Valley und teilweise aus Asien durchgesetzt.

Deutschland hat andere Stärken. Der Maschinen- und Komponentenbau setzt weltweit Maßstäbe. Im Fokus stehen dabei nicht die Endverbraucher, sondern das Geschäft mit anderen Unternehmen, neudeutsch B2B. Die Konzepte der Zukunft liegen bereits vor. Auf Industrie 4.0-Messen kann man sich von menschenleeren Produktionshallen einen Eindruck verschaffen. Die Chance ist ein deutlicher Produktivitätsfortschritt. Für alle automatisierten, von Robotern oder künstlicher Intelligenz getätigten Arbeitsschritte braucht es allerdings enorme Datenmengen, für deren Handhabung wiederum extrem leistungsfähige Internetanbindungen eine Grundvoraussetzung sind.

Darüber hinaus gibt es noch andere Rahmenbedingungen, die von staatlicher Seite sichergestellt werden müssen, um den bereits angefahrenen Zug der Digitalisierung nicht zu verpassen. In Deutschland fehlt es beispielsweise an Kapazitäten und Unterstützung für die Grundlagenforschung, an Möglichkeiten und Akzeptanz für lebenslanges Lernen und an Fachkräften mit technischem Spezialwissen.

Ein zukunftsweisendes Projekt hingegen ist das bereits 1988 gegründete Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). An der Public Private Partnership sind neben den Bundesländern Bremen, Rheinland-Pfalz und Saarland diverse namhafte Unternehmen aus dem In- und Ausland beteiligt. In 18 verschiedenen Forschungsbereichen wird anwendungsorientierte Grundlagenforschung betrieben, beispielsweise zu multilingualen Technologien, interaktiven Textilien oder Robotersteuerung. Die Zielsetzung ist neben der Basisforschungsarbeit auch die Markteinführung und kommerzielle Ausnutzung vielversprechender Ansätze.

Digitalisierte Prozesse ermöglichen höhere Flexibilität in der Produktion und enorme Kapazitätssteigerungen. In der Finanzindustrie werden schon heute mit digitalisierten Analysemethoden innovative Anlagestrategien entwickelt. Pausenlos werden Zusammenhänge zwischen verschiedensten Indikatoren und Aktien, Zinsen, Währungen oder Krypto-Assets analysiert, analog zu menschlichen Analysten, nur eben mit einer viel höheren Geschwindigkeit. Es gibt noch diverse andere Beispiele mit aussichtsreichen Einsatzmöglichkeiten digitalisierter Prozesse.

Für Anleger bringen die Entwicklungen besondere Herausforderungen mit sich. Zwei Beispiele: angesichts des rasanten Wandels können Unternehmen, die die Weichen der Zukunft nicht rechtzeitig stellen, abgehängt werden, wie einst Nokia oder Kodak. Auf der anderen Seite bieten sich enorme Chancen, wenn man in Unternehmen investiert, die es schaffen, die Zukunft aktiv mit zu gestalten. Sei es, weil sie einfach neue Bedürfnisse wecken und diese bis zur Exzellenz bedienen (Beispiel Apple, Google oder Facebook) oder weil sie bestehende Unternehmen durch völlig neue Geschäftsmodelle massiv unter Druck setzen (Beispiel Amazon). Der aktiven Aktienauswahl dürfte somit zukünftig eine wichtigere Rolle zukommen.

Auf der Zinsseite wirkt die Digitalisierung wie in den letzten Jahrzehnten die Globalisierung deflationär, dämpft also das Inflationspotenzial. Das dürfte grundsätzlich für ein Umfeld dauerhaft niedriger Zinsen sorgen. Zudem wird es künftig auch durch künstliche Intelligenz entwickelte Anlagekonzepte oder völlig neue Anlageklassen ergeben, etwa Krypto-Assets. Bewährte Kapitalanlagen sollten durch innovative Möglichkeiten ergänzt werden, um im anhaltenden Niedrigzinsumfeld ohne zu große Risiken einen realen Kapitalerhalt sicherstellen zu können.

Die digitale Zukunft wird in jeden Winkel unseres Lebens Veränderungen bringen. Inwieweit wir diese zulassen, liegt an uns selbst und den Rahmenbedingungen, in denen sich die Entwicklungen ergeben können. Auf jedem Fall sollten wir zeitnah anfangen, die Zukunft selbst und aktiv mit zu gestalten, um zu verhindern, dass wir der Entwicklung nur hinterherlaufen. Aufhalten lässt sie sich nicht. Höchstens werden andere die Akzente für uns setzen.

Carsten Mumm ist Leiter Kapitalmarktanalyse und Chefvolkswirt des Bankhauses Donner & Reuschel, Hamburg und München. Er ist verantwortlich für die Erstellung der Konjunktur- und Kapitalmarktprognosen sowie der kapitalmarktrelevanten Publikationen. Sein Marktkommentar ist zuerst erschienen in EXXECNEWS INSTITUTIONAL Ausgabe 06/2018.

www.donner-reuschel.de

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