Blockchain im Visier der Finanzbranche

Blockchain

Kaum ein Thema sorgt derzeit in der Finanzbranche für so viel Gesprächsstoff wie Blockchain. Befürworter sehen immenses Potenzial, Kritiker einen grundlosen Hype. Dabei wissen bislang meist nur Experten, was genau sich hinter dem Begriff verbirgt. So ermittelte das Marktforschungs- und Beratungsinstitut Yougov in einer Studie, dass nur wenige in Deutschland (elf Prozent) wissen, was dieser Begriff „in etwa“ bedeutet. Zumindest jeder Fünfte (22 Prozent) hat ihn schon einmal gehört.

Vereinfacht gesagt handelt es sich bei der Blockchain-Technologie, die auf das Jahr 2009 zurückgeht, um ein digitales und dezentral geführtes Register von Transaktionen (distributed ledger technology) – also eine Art Superdatei, die alle Transaktionen von den Beteiligten erfasst, die über ihr System abgewickelt werden. Statt wie bisher auf einem zentralen Server wird der Vorgang gleichzeitig auf den Rechnern aller Teilnehmer gespeichert und dort ständig aktualisiert. Statt von einem Großrechner wie sonst üblich wird die Transaktion also von jedem einzelnen Computer überprüft, der ans Netzwerk angeschlossen ist.

Ursprünglich wurde die Technik entwickelt, um eine doppelte Ausgabe der digitalen Währung „Bitcoin“ zu vermeiden. Durch die Blockchain soll sichergestellt werden, dass eine Währungseinheit eindeutig einem Eigentümer zugeordnet ist und dieser sie nicht zweimal ausgeben kann. Doch über die Anwendung bei „Bitcoins“ geht die Nutzbarkeit bei Blockchain mittlerweile weit hinaus. Unternehmen der Finanzbranche sehen in der Technologie vor allem den Vorteil, Geschäfte einfacher abwickeln zu können. Denn Finanztransaktionen, die bislang über Intermediäre liefen, könnten künftig direkt zwischen den Beteiligten abgewickelt werden. Zudem, so die Hoffnung, könnten erhebliche Kosten gespart werden – nicht nur durch den Verzicht auf verschiedene Vermittler, sondern auch durch die hohe Automatisierung der Prozesse.

„Blockchain wird die Art, wie weltweit Geschäfte gemacht werden, verändern“, prognostiziert Wolfgang Hach, Partner von Roland Berger. Die Unternehmensberatung analysierte in einer Studie Chancen und Risiken der Blockchain. „Die Technologie und ihre breiten Einsatzmöglichkeiten erlauben es, etwa bei Handelstransaktionen oder Vertragsabschlüssen auf vermittelnde Institutionen oder Treuhänder zu verzichten“, so Hach. Außerdem sei die Anwendung automatisierter Vertragsabwicklungen („Smart Contracts“) möglich. „Gerade in der Finanzbranche mit ihren großen Datenmengen, zahlreichen Intermediären und Dienstleistungen, die abgesichert und verifiziert werden müssen, ergeben sich für Blockchain viele Anwendungsmöglichkeiten“, erklärt Roland-Berger-Partner Sebastian Steger. Hinzu komme die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Blockchain-Transaktionen seien zudem schneller als traditionelle Vertragsabschlüsse und Transfers. Dadurch könnten Finanzdienstleister zusätzliche Kunden gewinnen und neues Geschäft generieren.

Wenig verwunderlich also, dass die Branche mit Hochdruck an Projekten zum Thema Blockchain arbeitet – beispielsweise im Fondsvertrieb. So entwickeln AXA Investment Managers (AXA IM) und BNP Paribas Securities zurzeit eine gemeinsame Fondsvertriebsplattform. Diese digitale Plattform namens „BNP Paribas Fund Link“ soll den Prozess des Fondsvertriebs durch einen reibungsloseren Datenfluss zwischen Fondskäufern und -Verkäufern einfacher und effizienter gestalten. Fondskäufer, die „BNP Paribas Fund Link“ nutzen, müssen künftig ihr Profil und ihre Onboarding-Dokumente als Anleger nur noch ein einziges Mal hochladen. Diese Informationen werden anschließend mit verschiedenen Vermögensverwaltungsgesellschaften auf der Plattform geteilt. Die Analyse-Tools von „BNP Paribas Fund Link“ sollen den Anlegern dabei helfen, Fondsdaten einzusehen, diese zu vergleichen und somit Fonds auswählen zu können, während Fondsmanager wiederum damit ihren Vertrieb weiter verbessern können. „Ein wesentliches Ziel bestand darin sicherzustellen, dass die neue Plattform es Vermögensverwaltern ermöglicht, den Anforderungen neuer regulatorischer Vorschriften wie MiFID II zu entsprechen, die rund um den Fondsvertrieb mehr Transparenz einfordern“, sagt Jean Devambez, Head of Product and Client Solutions, Asset and Fund Services, bei BNP Paribas Securities Services. Die ersten Funktionalitäten der Plattform sollen im kommenden Jahr zur Verfügung stehen, so teilte BNP Paribas auf Anfrage von EXXECNEWS mit. Bei Kunden stößt das Projekt laut Konzern auf reges Interesse.

Hoffnung in die neue Technologie setzen auch die Versicherer. So gründeten Aegon, Allianz, Munich Re, Swiss Re und Zurich im Oktober vergangenen Jahres die Blockchain-Initiative „B3i“. Gemeinsam wollen die Mitglieder die Möglichkeiten ausloten, diese neue Technologie zu nutzen. Das Ziel: schnelle, nützliche und sichere Services für Kunden zu entwickeln. Der kurzfristige Fokus der Plattform liege auf der Abwicklung von Rückversicherungsverträgen. Aus Sicht der Konzerne besitzt die Technologie Potenzial, digitale Verträge und Transaktionen zwischen mehreren Parteien transparent und nachprüfbar auszuführen. Dadurch würde eine konsistente und automatisierte Vertragsausführung ermöglicht. Dies verringere den Verwaltungsaufwand für die verschiedenen Beteiligten und stellt eine einheitliche Vertragsausführung sicher. „Durch eine Senkung der Transaktionskosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette sehen wir die Chance, dass die Technologie das Erschließen neuer Einnahmequellen und Marktsegmente ermöglichen könnte“, sagt Michael Eitelwein, Head of Group Enterprise Architecture der Allianz auf EXXECNEWS-Anfrage. „Blockchain in Kombination mit anderen neuen Technologien wie Drohnen oder Big Data Analytics könnte der Versicherungsbranche helfen, neue Märkte intelligenter und effizienter zu erschließen, Hürden zum Zugang zu Versicherungsschutz für Endkunden abbauen und den Gesamtmarkt für die Branche ausweiten“. Eine voll funktionsfähige Betaversion eines Prototypen für den Versicherungssektor wurde im September vorgestellt. Ein erster Einsatz sei im kommenden Jahr geplant. Darüber hinaus habe das „B3i“-Team auch ein Geschäftsszenario für die Plattform entlang der gesamten Wertschöpfungskette entwickelt. Die Unternehmen erwarteten einen Produktivitätsgewinn von bis zu 30 Prozent. Eine Botschaft, die für einen regen Zulauf der Initiative sorgte: Nach Vorstellung des Prototypen sind zusätzlich zu den bestehenden 15 Versicherern 23 weitere Konzerne mit an Bord, darunter aus Asien, Afrika und Australien.

Doch nicht alles glänzt in der schönen, neuen Blockchain-Welt. Vor allem seitens der Banken wird Kritik laut. So bemängeln laut der Studie „Blockchain: Evolution oder Revolution“ des IT-Dienstleisters CSC drei von vier Banken Mängel bei der Rechtssicherheit. Die Institute befürchten Betrugsmöglichkeiten im großen Stil. Mehr als die Hälfte zweifelt daran, dass sich die neue Technologie für Verträge über Geschäfte des täglichen Lebens hinaus eignet – etwa für die Altersvorsorge oder bei Grundstücksverkäufen. Der Grund: Bei den sogenannten „Smart Contracts“, in denen die Vertragsinhalte direkt von den Parteien digitalisiert werden, bleiben klassische Begleiter solcher Geschäfte wie Bankberater oder Juristen außen vor. „Der Smart Contract prüft nicht, ob die Vertragsbedingungen der Rechtsordnung entsprechen“, sagt Claus Schünemann, Vorsitzender der Geschäftsführung von CSC in Deutschland. „Sobald das System die eingestellten Bedingungen für eine Zahlung als erfüllt ansieht wird das Geld automatisch überwiesen“, fasst Schünemann die Bedrohungslage zusammen.

Die befürchteten Sicherheitsmängel rufen auch die Aufsicht auf den Plan. So sieht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ebenfalls mögliche Probleme bei den „Smart Contracts“: Sie weist auf die Risiken hin, die sich insbesondere aus dem Fehlen einer zentralen Instanz ergibt, die bei „beabsichtigtem oder unbeabsichtigtem Fehlverhalten“ korrigierend eingreifen könnte. Die BaFin verdeutlicht dies am Fall des Crowdfundingprojektes „The DAO“ im Juni 2016: Dem Projekt wurden Kryptowährungseinheiten im Wert von rund 50 Millionen US-Dollar entzogen – wegen eines zuvor unbeachteten Programmteils im „Smart Contract“.

Fazit: Das Potenzial von Blockchain, so sehen es viele Experten, ist so groß, dass es eine Revolution in der Finanzbranche auslösen könnte. Das „Weltwirtschaftsforum“ geht davon aus, dass bis zum Jahr 2025 insgesamt zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts mithilfe dieser Technologie abgewickelt wird. Zuvor gilt es aber noch, die gesetzlichen und regulatorischen Grundlagen zu schaffen. Für eine umfassende Beurteilung der Technologie und deren potenziellen Anwendungsfällen ist es laut BaFin allerdings noch zu früh – die Bundesanstalt verfolge allerdings ebenso wie der Gesetzgeber die Entwicklung „sehr aufmerksam“.

Der Artikel ist zuerst erschienen in EXXECNEWS Ausgabe 21/2017.

www.exxecnews.de

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