EZB bereitet Kurzwechsel vor

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Ein üppig gefüllter Instrumentenkasten, gespickt mit theoretisch sofort verfügbaren geldpolitischen Werkzeugen – das ist die Europäische Zentralbank (EZB). Als Antwort auf die Finanz- und Wirtschaftskrise in den vergangenen Jahren hat die EZB gezeigt, dass es mehr bedarf, als das typische Offenmarktgeschäft als Instrumentarium einer Notenbank.

Zu nennen wären hier zum Beispiel Negativzinsen, Mengentender mit Vollzuteilung oder Programme zum Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen, die die EZB seit Jahren ungewöhnlich oft einsetzt. Doch nun soll Schluss damit sein. Oder doch nicht? Denn wie so oft kommt es immer auf das Kleingedruckte an.

Reduzierung der monatlichen Ankäufe bei Verlängerung des Kaufprogramms

Am 26. Oktober 2017 beschloss der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise, den Ankauf von Anleihen zu reduzieren. Ab Januar 2018 beabsichtigt die Notenbank, im Rahmen ihres Ankaufprogramms von Vermögenswerten (Asset Purchase Programme, APP) deutlich weniger Staats- und Unternehmensanleihen zu erwerben als bislang. Das seit März 2015 laufende Programm der Notenbank soll die Marktzinsen senken, um die Konjunktur anzuheizen und die Kreditvergabe in der Eurozone zu erleichtern. Laut EZB soll das Programm in jedem Falle so lange fortgeführt werden, bis die Inflationsentwicklung sich nachhaltig dem Inflationsziel von zwei Prozent nähert - aktuell liegt die Teuerungsrate noch bei 1,5 Prozent.

Statt wie derzeit noch 60 Milliarden Euro wird die Bank den Nettoerwerb von Anleihen im kommenden Jahr auf einem monatlichen Umfang von 30 Milliarden Euro beschränken. Gleichzeitig verlängert sie das Kaufprogramm um neun Monate bis Ende September 2018 - mit der Maßgabe, erforderlichenfalls die Frist über den September 2018 hinaus auszudehnen. Und es sind genau diese „Hintertür“-Aussagen, die die Marktteilnehmer annehmen lassen könnten, dass die Politik des billigen Geldes noch nicht beendet ist.

Leitzinsen bleiben unverändert

Passend dazu ein Zitat aus der EZB-Ratssitzung: „Der EZB-Rat geht weiterhin davon aus, dass die EZB-Leitzinsen für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden“. Soll heißen: vor 2019 passiert mit den Leitzinsen im Euroraum nichts. Der Hauptrefinanzierungssatz, der die Geldversorgung der Kreditinstitute über die Zentralbank sicherstellt, liegt unverändert bei 0,0 Prozent. Die Spitzenrefinanzierungsfazilität, zu der Banken sich ganz kurzfristig overnight EZB-Gelder leihen können, belässt die EZB vergleichbar niedrig bei 0,25 Prozent. Und die Einlagefazilität, sprich die Möglichkeit für Geschäftsbanken, kurzfristig nicht benötigtes Geld bei der Zentralbank anzulegen, bleibt bei minus 0,4 Prozent.

Börsen feiern den EZB-Kurs trotz angedeuteter Straffung der Geldpolitik

Entsprechend positiv sind die Reaktionen an den Börsen ausgefallen, die nahezu wöchentlich neue Höchstwerte erreichen. Bereits im Juli letzten Jahres musste Mario Draghi schmerzlich erfahren, wie heftig Finanzmärkte reagieren können: Als er in einer Rede andeutete, die EZB könne wegen der Wirtschaftserholung künftig womöglich einen weniger expansiven Kurs fahren, verlor der DAX auf Anhieb 400 Punkte. Der Euro wertete als Reaktion um fast vier Cent auf und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sprang sofort auf ein Fünf-Monats-Hoch. Alles Marktbewegungen, die das oberste Ziel einer Inflationsrate in Höhe von zwei Prozent auf jeden Fall gefährden würden. Ähnliche Finanzmarktturbulenzen gilt es nun zu vermeiden – sollte die EZB tatsächlich vorhaben, die Geldpolitik nachhaltig zu straffen.

Dies weckt Erinnerungen an die Marktverwerfungen vor vier Jahren. Der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke hatte es gewagt, erstmals ein Zurückfahren der Anleihekäufe der Fed zu signalisieren. Die Reaktion der Finanzmärkte dürfte dem aufmerksamen Aktionär in Erinnerung geblieben sein und wird mit dem Begriff „Taper Tantrum“ („Entzugswutanfall“) in die Finanzgeschichte eingehen.

Schlechte Nachrichten für Sparer

Die Marktexperten sind sich einig, dass nach der jüngsten EZB-Entscheidung den Inhabern von Tages- oder Festgeldern sowie von Sparkonten weiterhin harte Zeiten bevorstehen. Sparer, so der Tenor, werden womöglich noch länger auf höhere Zinsen für ihre Einlagen warten müssen.

Folgende These dazu: Die absolute Halbierung der monatlichen Wertpapierkäufe traf auf reges Interesse. Sehr aufmerksam wurde aber die Ankündigung des EZB-Präsidenten Draghi aufgenommen, das Anleihekaufprogramm notfalls über den bisher vorgesehenen Endpunkt im September 2018 hinaus aufrechtzuerhalten. Entsprechend reagieren die Finanzmarktteilnehmer: Viele Investoren stecken ihr Geld weiter in Aktien und andere riskanten Anlagen, weil Zinsanlagen oder Zinspapiere auf lange Sicht nichts beziehungsweise kaum etwas abwerfen.

Fakt bleibt, dass ein im März 2015 gestartetes und mittlerweile 2,2 Billionen Euro schweres Kaufprogramm von Staats- und Unternehmensanleihen mit solch tiefgreifender Einflussnahme auf unser Finanzsystem nicht einfach beendet werden kann. Die Erfahrungen aus dem angelsächsischen Raum bestätigen dies.

Kritiker sind ohnehin der Meinung, Draghi habe den Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm verschlafen. Denn obwohl Europas Wirtschaft wächst, pumpt die EZB mehr Geld ins Finanzsystem als in den schlimmsten Krisenzeiten, so dass inzwischen ein beispielloser Gewöhnungseffekt an günstige Liquidität eingetreten ist. Zudem begünstige die Nullzinspolitik das Entstehen gefährlicher Preisblasen, so die Aussage von Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, Mitglied des EZB-Rats und einer der prominentesten Wächter für Finanzstabilität. Zwar beurteilt Weidmann das breit angelegte EZB-Wertpapier-Kaufprogramm als nach wie vor „schärfstes Schwert der Währungshüter im Kampf gegen die schwache Inflation“, jedoch mahnt er den EZB-Rat, „den richtigen Zeitpunkt für eine geldpolitische Normalisierung nicht zu verpassen“.

Ein Mittel, das die schwierige Entwöhnung erträglicher machen könnte, ist ein von der EZB geplanter Prozess, Tilgungsbeträge von Wertpapieren, die im Rahmen des APP erworben wurden, auch nach offizieller Beendigung des Nettoerwerbs erneut anzulegen. Fällig gewordene Anleihen würden somit zurück in den Markt gepumpt.

Über diese Maßnahme dürfte das Abschmelzen der Anleihekäufe auf null weniger schmerzlich ausfallen, weil die EZB noch über Jahre ein bedeutender Akteur am Anleihenmarkt sein würde. Vielleicht ein probates Mittel, um den Anfang vom Ende einzuläuten?! Zumal, und das ist eine ganz persönliche banale Theorie, irgendwann die nächste Rezession kommen wird. Und da wäre es doch gut, wenn die EZB in der Lage wäre, die Zinsen senken zu können, um die Konjunktur anzukurbeln. Bei Null- beziehungsweise Minuszinsen und einer aufgeblähten EZB-Bilanz geht das schlecht.

Der Beitrag ist zuerst erschienen in der aktuellen Ausgabe von Investor‘s Quarterly, dem vierteljährlichen Newsletter der Ernst Russ AG zu den Themen Schifffahrt, Wirtschaft und Finanzen. Eine Download-Möglichkeit finden Sie auf dem Internetauftritt des Unternehmens unter:

www.ernst-russ.de/de/news/investors-quarterly

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