Ausblick auf die Anleihenmärkte 2026
2026 wird für Anleihen ein Jahr der Bewährung. Höhere Start-Renditen schaffen wieder Kuponpuffer, zugleich prägen Laufzeitprämien, Emissionsvolumina und eine stärkere Spread-Differenzierung die Ergebnisse. Wer Duration, Kreditrisiko und Liquidität sauber steuert, kann Fixed Income als strategischen Ertragsbaustein nutzen.
Nach der Phase sehr niedriger Renditen ist der laufende Ertrag in die Anleihemärkte zurückgekehrt. Damit gewinnen Bonds in der strategischen Allokation wieder an Gewicht. In diesem Jahr wird sich zeigen, wie gut diese Performance-Attribution normale Zins- und Spread-Bewegungen, den anhaltenden Refinanzierungsbedarf der Staaten und eine stärkere Spread-Differenzierung im Kreditmarkt abfedert. Für Investoren steht damit weniger die Grundsatzentscheidung für oder gegen Anleihen im Vordergrund als die Frage, wie Duration, Kreditrisiko und Liquidität in einem Umfeld gesteuert werden, das weder dem Regime 2010 bis 2021 noch dem Schockjahr 2022 entspricht. Die Ausgangslage ist dabei klar: Zehnjährige US-Treasuries rentieren Anfang 2026 um gut vier Prozent, in einer Momentaufnahme liegt die Zehn-Jahres-Rendite am 14. Januar bei 4,16 Prozent. Im Euroraum rentiert die zehnjährige Bundesanleihe um 2,8 Prozent, zuletzt wurden 2,83 Prozent gemeldet. Solche Start-Renditen schaffen einen Kuponpuffer, der in den Nullzinsjahren nicht vorhanden war.
Die Kurvenstruktur muss Laufzeitrisiko vergüten
Für den Zinsausblick spricht viel dafür, 2026 als Jahr moderater Anpassungen zu verstehen. In den USA deuten die zuletzt berichteten Inflationsdaten eher auf einen Pfad der Normalisierung als auf eine neue Beschleunigung; Reuters verwies für Dezember 2025 auf einen Anstieg der Verbraucherpreise um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat und 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während der Kernwert mit 2,6 Prozent genannt wurde. Das ist kein Freifahrtschein für aggressive Zinssenkungen, senkt aber das Risiko, dass Notenbanken kurzfristig erneut deutlich restriktiver werden müssen. Dennoch erwarten wir für 2026 unter sonst gleichen Bedingungen weitere Zinssenkungen zu 25 Basispunkte spätestens beginnend mit dem Stabswechsel von Chair Jerome Powell auf einen politisch ausgesuchten Nachfolger. Im Euroraum bleibt die Balance ähnlich: Wenn die Inflationsraten in Richtung der Zielmarken tendieren, rückt die reale Rendite wieder in den positiven Bereich. Zugleich erhöht das die Bedeutung der Term-Prämie, denn längere Laufzeiten werden nur dann strukturell nachgefragt, wenn sie einen nachvollziehbaren Mehrertrag gegenüber der „kurzen“ Kurve liefern. 2026 dürfte daher weniger von der Richtung einzelner Notenbankschritte abhängen als davon, ob die Kurvenstruktur eine stabile Kompensation für Laufzeitrisiko bietet. In unserem Kernszenario versteilen sich die Zinsstrukturkurven. Die Notenbanken bleiben auf aktuellem Niveau oder senken, das lange Ende der Kurven fordert höhere Prämien vor dem Hintergrund ansteigender fiskalischer Herausforderungen und noch ungelösten geopolitischen Verwerfungen.
Primärmarkt ist ein eigenständiger Preisfaktor
Neben dem Zinsniveau wird die Angebotsseite den Markt spürbar prägen. Hohe Staatsverschuldung und umfangreiche Refinanzierungen führen zu einer Emissionstätigkeit, die nicht nur das absolute Renditeniveau, sondern auch die Kurvenform beeinflusst. Das gilt im Euroraum zusätzlich vor dem Hintergrund, dass fiskalische Debatten und politische Unsicherheit die Risikoprämien am langen Ende erhöhen können. In den USA ist das Bild vergleichbar, weil die Kombination aus hoher Verschuldung und einer weiterhin großen Duration im Markt die Sensitivität gegenüber Term-Prämien und Inflationserwartungen hochhält. Für Investoren folgt daraus ein praktischer Schluss: Duration verdient 2026 eine explizite Budgetierung. Wer Laufzeitrisiko trägt, sollte dies so tun, dass die erwarteten Kupon- und Roll-down-Erträge nicht durch einen kleinen Renditeanstieg überkompensiert werden.
Im Kreditbereich werden 2026 vor allem die Unterschiede zwischen Emittenten und Sektoren über das Ergebnis entscheiden; das absolute Spread-Niveau bleibt dafür nur ein grober Anhaltspunkt. Das fundamentale Bild im Investment-Grade-Segment bleibt insgesamt stabil, aber das Umfeld begünstigt keine breite Spread-Einengung mehr. Der wichtige Bereich der Banken profitiert von steileren Zinsstrukturkurven, Fristentransformationsbeiträge gewinnen als Ergebnisbeitrag wieder an Relevanz. Zugleich ist der Primärmarkt ein eigenständiger Preisfaktor: Neuemissionsprämien, Liquiditätskosten und die Bereitschaft der Investoren, Risiko zu absorbieren, können zeitweise stärkere Bewegungen im Cash-Markt auslösen als in synthetischen Indizes. Für Portfolios heißt das, dass eine konsequente Emittentenauswahl wieder stärker zählt als ein pauschaler Beta-Ansatz. Im High-Yield-Segment gilt das noch deutlicher, weil die Rally der Vorjahre Teile des Bewertungsniveaus vorweggenommen hat und Refinanzierungsrisiken in einzelnen Sektoren zu einer asymmetrischen Risikoverteilung führen können.
Es spricht viel für liquide Staatsanleihen
Damit verschiebt sich 2026 die Logik der Umsetzung. Eine tragfähige Anleihenallokation stützt sich auf Qualität, eine bewusst gesteuerte Laufzeitenstruktur und eine klare Trennung zwischen Renditequellen. Auf der Kernseite spricht viel für liquide Staatsanleihen und Pfandbrief-ähnliche Strukturen in mittleren Laufzeiten, weil sie sowohl als Risikopuffer als auch als Ertragsbaustein funktionieren. Unternehmensanleihen im Investment Grade liefern zusätzliche Carry-Beiträge, verlangen aber eine saubere Disziplin bei Covenants, Kapitalstruktur und Liquidität. Wer Renditepotenzial oberhalb des IG-Segments sucht, sollte den Risikoanteil so konstruieren, dass einzelne Kreditausfälle oder temporäre Liquiditätsprämien nicht den gesamten Ertragsbeitrag dominieren.
Für die Positionierung 2026 ergibt sich daraus ein klarer Rahmen. Duration sollte als bewusstes Budget geführt werden und nicht als Nebenprodukt der Renditesuche; Laufzeiten sind dort sinnvoll, wo Kupon und Roll-down einen plausiblen Puffer gegen moderate Renditeanstiege liefern. Der Kreditanteil sollte so konstruiert sein, dass der Ertrag primär aus Carry stammt und nicht aus der Erwartung weiterer Spread-Einengung; im Investment Grade zählen dabei Emittentenauswahl und Liquidität, im High Yield die Begrenzung von Einzeltitelausfällen und Refinanzierungsrisiken. Liquidität verdient eine eigene Zielgröße, weil Primärmarktphasen und Risk-off-Tage regelmäßig technische Preisverzerrungen erzeugen; wer ohne Verkaufsdruck agieren kann, nutzt Neuemissionsprämien und temporäre Spread-Ausweitungen eher als Renditechance, statt sie als Störfaktor zu erleben.
Jens Franck ist Partner und Leiter des Portfoliomanagements des Hamburger Fixed Income-Managers nordIX AG. Das Haus managt mehrere Fixed Income-Strategien mit insgesamt um die 500 Millionen Euro Assets under Management.
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 03-2026 erschienen.