Beste Zeit, langfristig in Qualität zu investieren
Investieren war noch nie reibungslos oder geradlinig. Selbst die durchdachtesten Investmentstrategien werden in Phasen auf die Probe gestellt, in denen sich Märkte entgegen aller Überzeugungen, entgegen aller Erwartungen entwickeln – wenn Disziplin getestet wird, wenn Geduld schwindet und wenn die Versuchung, dem vorherrschenden Trend zu folgen, (zu) groß wird.
Ich habe gelernt, dass solche Phasen keine Ausnahmen sind! Sie gehören dazu. Und die Anleger, die sie am besten meistern, sind diejenigen, welche klar und konsequent an ihrer schlüssigen Investmentphilosophie festhalten.
Why Quality, why now?
Gerade jetzt befinden wir uns in einer solchen Phase. Qualitätsaktien haben in den letzten fünf Jahren schlechter abgeschnitten als der Gesamtmarkt – etwas, das seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist. Das makroökonomische Umfeld könnte kaum komplexer sein: Unsicherheit hinsichtlich durch Zölle induzierte Handelsbarrieren, geopolitische Turbulenzen, ein stark konzentrierter Aktienmarkt mit Bewertungen, wie man sie seit der Dotcom-Blase nicht mehr gesehen hat, und ein Private Credit Markt, dessen Expansion mittlerweile ernsthafte systemische Fragen aufwirft. Vor diesem Hintergrund möchte ich erläutern, warum dies einer der Momente ist, um weltweit in den besten Unternehmen investiert zu sein.
Was wir unter Qualität verstehen
Bei J. Stern & Co. ist Qualität kein Marketing-Schlagwort. Die Frankfurter Familie Stern ist seit über 220 Jahren im Finanzwesen tätig – sei es als Bankiers oder im Asset Management. Als Maurice Stern, Eigentümer der Pariser Privatbank der Familie, vor der deutschen Besetzung von Paris nach New York fliehen musste, legte er klare Kriterien für die Anlage des ihr verbliebenen Vermögens in Aktien fest: 1) Langfristig investieren! 2) Auf der Grundlage eigener Analyse investieren! 3) Ausschließlich in Qualität investieren! Auf dieser Basis ruht unsere Investmentphilosophie, die auf vier Säulen steht. Die ersten beiden Säulen sind eine starke und nachhaltige Wettbewerbsposition in wachsenden Branchen: Unternehmen mit echten Wettbewerbsvorteilen, starken Marken und strukturellem Wachstum. Die dritte Säule ist ein Management mit einer nachweisbaren Erfolgsbilanz: Führungskräfte, die in Jahrzehnten statt in Quartalen denken. Die vierte Säule ist finanzielle Stärke: eine Bilanz, die so robust ist, dass das Unternehmen eine Pandemie, eine Bankenkrise oder Zollbarrieren überstehen und gestärkt daraus hervorgehen kann, während die Konkurrenz geschwächt wird. Diese Unternehmen vermehren ihr Kapital über Konjunkturzyklen hinweg und nutzen wirtschaftliche Herausforderungen zu ihrem Vorteil, anstatt sie nur zu überstehen.
Die aktuelle Marktverwerfung
Die jüngste Underperformance von Qualitätsaktien spiegelt keine Verschlechterung der Fundamentaldaten wider. Die Wettbewerbspositionen dieser Unternehmen sind intakt, ihre Branchen wachsen weiter, ihre Bilanzen sind stärker denn je und ihre Gewinne steigen. Die Unternehmen haben sich nicht verändert. Ihre Kurse schon. Diese Lücke zwischen Kurs und innerem Wert ist die Chance.
Diese Underperformance ist auf eine Umschichtung in bilanzgetriebene Finanzwerte, kapitalintensive Energie- und Rohstoffunternehmen sowie politikabhängige Versorger zurückzuführen – Sektoren, deren Outperformance eher zyklischer als struktureller Natur ist. Die Geschichte lässt keinen Zweifel daran, was folgen wird. Nach vergleichbaren Verwerfungen in den Jahren 1999, 2003, 2009, 2020 oder 2022 erzielte „Qualität“ in jedem einzelnen Fall in den folgenden zwölf bis 24 Monaten eine überzeugende, auf Fundamentaldaten gegründete Outperformance.
Der Aufschlag, den wir für unser „Qualitäts- Portfolio“ zahlen, befindet sich gegenüber dem breiten Markt derzeit auf einem Zehnjahrestief – selbst während der MSCI World mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen gehandelt wird, wie sie zuletzt während der Dotcom-Blase zu beobachten waren. Wenn Anleger einen Markt betrachten, der insgesamt teuer ist, sich auf wenige Titel konzentriert und in den zyklischen Sektoren, die die letzte Rotation anführten, voll bewertet ist, ist der einzige Stil, der weiterhin attraktiv bewertet ist, die Qualität.
Warum Technologie im Zentrum von Qualität steht
Ein Déjà-vu... Vor einem Jahr löste DeepSeek einen starken Ausverkauf bei KI-bezogenen Aktien aus, da höhere Effizienz zu einem geringeren Rechenbedarf führen sollte. Wir waren anderer Meinung: In der Regel steigern niedrigere Kosten und bessere Leistung die Akzeptanz, statt sie zu dämpfen. Genau das ist eingetreten.
Heute spielt sich eine ähnliche Dynamik ab. Die jüngsten Fortschritte bei großen Sprachmodellen haben zu einem breiten Kursrückgang bei Software und verwandten Sektoren geführt. Zwei widersprüchliche pessimistische Narrative kursieren gleichzeitig: zum einen, dass Investitionen in KI übertrieben seien, da die Akzeptanz in Unternehmen begrenzt sei, und zum anderen, dass KI ganze Branchen rasch überflüssig machen werde. Beide können nicht wahr sein. Ihre Koexistenz sagt alles über die Qualität der aktuellen Marktreaktion aus.
Unsere Sichtweise ist klar. Wir stehen erst am Anfang der Einführung von KI in Unternehmen. Nur die Hälfte der SAP-Kunden nutzt zum Beispiel die Cloud – das bedeutet, dass nur die Hälfte der weltweit größten Unternehmen überhaupt in der Lage ist, KI ordnungsgemäß zu implementieren. Die großen Geschäftsprozesssysteme, die das Herzstück jedes Unternehmens bilden – SAP, Salesforce –, sind tief in allen Betriebsabläufen verankert, eng mit Compliance-Anforderungen verknüpft und außerordentlich kostspielig zu ersetzen. Sie werden nicht durch KI verdrängt werden. Sie sind die Plattformen, über die KI in großem Maßstab implementiert wird. Nvidia, unsere größte Position, steht im Zentrum des Infrastrukturaufbaus und verfügt über einen Auftragsbestand, der Hyperscaler, Unternehmen und staatliche KI-Programme weltweit umfasst. Vor diesem Hintergrund halten wir Nvidia weiterhin für attraktiv bewertet.
Der Moment für seine Überzeugung einzustehen ist jetzt
Die „World Stars Global Equity“-Strategie von J. Stern & Co. hat seit ihrer Auflage im Jahr 2012 in 76 Prozent aller rollierenden Fünfjahreszeiträume den MSCI World übertroffen. Diese Erfolgsbilanz wurde nicht dadurch erzielt, dass wir uns in jedem einzelnen Jahr den aktuellen Markttrends angepasst hätten. Sie wurde dadurch erreicht, dass wir mit Überzeugung an Unternehmen festhalten, die über echte strukturelle Vorteile und die Widerstandsfähigkeit verfügen, sich auch in schwierigen Zeiten weiterzuentwickeln. Es geht um die Verweildauer im Markt: „Time in Market, not Market Timing“.
Die Geschichte lehrt, dass Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen und exzellentem Management jeden Zyklus der Unsicherheit überstehen. Die Kombination aus systemischem Marktrisiko und interessanten Bewertungen bei Qualitätswerten ist selten. Sie wird nicht von Dauer sein. Wenn die Rotation kommt – und sie kommt immer –, wird sie schnell und bedeutend sein. Dieser Moment ist jetzt!
Christopher Rossbach ist Chief Investment Officer von J. Stern & Co., einer Investmentmanagement-Boutique mit Sitz in London sowie Büros in New York, Zürich, auf Malta und seit 2025 in Frankfurt am Main. Er ist auch Lead- Portfoliomanager von J. Sterns’ „World Stars Global Equity Strategie“.
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 11 erschienen.
Handelsimmobilien: Versorgung bleibt resilient