Der ELTIF am Scheideweg
113 neue Produkte, 34 Milliarden Euro Marktvolumen – ein Plus von 55 Prozent: Nicht diese Zahlen sind die eigentliche Nachricht der aktuellen Studie der Ratingagentur Scope zur Entwicklung des ELTIF-Marktes. Entscheidend ist, dass der European Long-Term Investment Fund in eine neue Phase eintritt.
Es geht nicht mehr nur um den Zugang zu den Private Markets, sondern um die viel wichtigere Frage, ob sich hier mittelfristig eine etablierte Anlagekategorie für Privatanleger entwickeln kann. Genau an diesem Punkt müsste die Debatte präziser und konstruktiver geführt werden.
Bislang wird sie von zwei Seiten dominiert, die beide zu kurz greifen. Auf der einen Seite vermarkten Produktanbieter Private-Market-ELTIFs mit Einstiegen „ab wenigen Euro“, als ließe sich die den Anlageklassen übliche Illiquidität durch Retail-Rhetorik in ein Alltagsprodukt übersetzen. Auf der anderen Seite stehen Kritiker wie die Verbraucherzentrale, die ELTIFs pauschal für ungeeignet erklären und vor „erheblichen Risiken" warnen. Aus einer wichtigen Auseinandersetzung über Eignung, Kosten und Produktarchitektur wird so schnell ein verkürztes Schwarz-Weiß-Bild. Beide Seiten verfehlen den Kern. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob ELTIFs gut oder schlecht sind. Sie lautet: Für wen sind sie geeignet, unter welchen Bedingungen und in welcher Form?
Die Transparenz-Illusion: Warum ETFs nicht das Allheilmittel sind
Der Transparenz-Vorwurf taucht in der ELTIF-Debatte fast immer zuerst auf. Ein berechtigter Einwand: Wer langfristig Kapital bindet, darf mehr erwarten als grobe Sektorbeschreibungen. Einige Produkte geben Privatanlegern keinen ausreichenden Überblick. Teilweise fehlt es an hinreichender Transparenz über die zugrunde liegenden Zielinvestments und das Exposure-Profil des Fonds.
Ein ETF (Exchange Traded Fund, börsengehandelter Fonds) dagegen wirkt auf den ersten Blick leicht lesbar: Man kann Positionen, Kurse und Wertentwicklungen jederzeit aktuell einsehen. Doch Sichtbarkeit ist noch keine Nachvollziehbarkeit. Wer kein Finanzexperte ist, versteht vermutlich weder die genaue Indexmethodik noch implizite Konzentrationsrisiken, weder Bewertungsniveaus noch die Klumpen in vermeintlich breit gestreuten Indizes mit zum Teil mehreren tausend Titeln.
Wer differenziert argumentieren möchte, muss beide Argumente gleichzeitig gelten lassen: Ja, viele Anbieter von ELTIFs sollten deutlich offener über Portfoliostruktur, Bewertung und Liquiditätsmechanik informieren. Aber nein, der tägliche Börsenkurs eines ETF ist nicht automatisch der Goldstandard verständlicher Geldanlage.
Die neue Altersvorsorge: Chancen für illiquide Anlagen
Während die Debatte über ELTIFs weiter polarisiert, unternimmt die Politik gerade einen neuen, längst überfälligen Anlauf bei der privaten Altersvorsorge. Das Bundesfinanzministerium beschreibt den Neustart mit vier Zielen: renditestärker, kostengünstiger, einfacher und unbürokratischer. Wer an die Riester-Rente denkt, ahnt, warum das bemerkenswert ist.
Riester ist nicht an der Idee gescheitert, privates Sparen stärker mit dem Kapitalmarkt zu verbinden. Gescheitert ist es an einer Konstruktion, die zu kompliziert, zu teuer und durch Garantievorgaben so starr war, dass die Renditechancen der Märkte systematisch beschnitten wurden. Die Garantiepflicht stand lange für Sicherheit, war in der Praxis aber oft ein Renditekiller. Dass die Politik davon nun abrückt, markiert einen überfälligen Abschied von der Vorstellung, gute Vorsorge entstehe vor allem durch maximale Absicherung auf dem Papier.
Wer über 20 oder 30 Jahre spart, braucht keine tägliche Verfügbarkeit, sondern Produkte, die ökonomisch sinnvoll für lange Anlagehorizonte gebaut sind. Genau hier können ELTIFs als Baustein einen sinnvollen Beitrag leisten – neben ETFs, Aktien und Anleihen, nicht statt ihnen. Der lange Anlagehorizont von Anlageklassen wie Private Equity oder Infrastruktur passt grundsätzlich zur Logik langfristiger Altersvorsorge. Auch die eingeschränkte Rückgabemöglichkeit, die viele Kritiker als Schwäche sehen, verdient eine nüchternere Betrachtung. Im klassischen Renditedreieck der Geldanlage stehen Rendite, Sicherheit und Liquidität nie gleichzeitig im Maximum zur Verfügung. Wer mehr Renditepotenzial will, verzichtet in der Regel auf einen Teil unmittelbarer Verfügbarkeit. Illiquidität schützt Kapital davor, ständig dem Druck kurzfristiger Marktstimmungen und hektischer Umschichtungen ausgesetzt zu sein. Sie ist in Anlageklassen wie Private Equity oder Infrastruktur Voraussetzung dafür, dass operative Wertschöpfung jenseits des Quartalsdenkens überhaupt möglich wird.
Für Anleger, die zu Impulsverkäufen neigen, kann die geringere Handelbarkeit deshalb faktisch disziplinierend wirken. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – dieser Vorteil gilt nur unter klaren Bedingungen: Illiquidität verlangt Planung und einen realistischen Blick auf die eigene finanzielle Situation. Wer in den nächsten Jahren auf das Geld angewiesen sein könnte, sollte in kein Produkt investieren, dessen Stärke gerade darin liegt, nicht jederzeit verfügbar zu sein.
Die Manager-Frage: Worauf Anleger wirklich achten müssen
Wer ein Investment in Private Equity, Infrastruktur oder Private Debt über einen ELTIF ernsthaft prüfen will, muss sich ein paar Grundfragen stellen: Passt ein solches Produkt zur eigenen Vermögensstruktur und zum persönlichen Anlagehorizont? Ist wirklich klar, in was investiert wird, wie Rendite entstehen soll und welche Risiken dabei im Spiel sind? Sind die Kosten auf allen Ebenen ersichtlich, also nicht nur die sichtbare Verwaltungsvergütung, sondern auch Gewinnbeteiligungen, mögliche Kosten auf anderen Ebenen und Abschläge bei Kauf und Rückgaben? Sind Liquiditätsoptionen verständlich beschrieben, mit Frequenz von Rücknahmefenstern und der realen Möglichkeit, dass die Verfügbarkeit begrenzt sein kann? Und schließlich die vielleicht wichtigste Frage von allen: Wer ist der Manager hinter dem Produkt? Hat er einen nachvollziehbaren Track Record in genau der Strategie, die er anbietet?
Gerade dieser letzte Punkt kommt in der öffentlichen ELTIF-Debatte zu kurz. Denn nicht der ELTIF als regulatorische Hülle erwirtschaftet die Rendite, sondern der Manager, der Deals generiert, auswählt, strukturiert, begleitet und am Ende wieder verkauft. In den Private Markets ist der Unterschied zwischen sehr guten und schwachen Managern erheblich. Die Auswahl der richtigen Manager ist deshalb ein zentraler Schlüsselfaktor des Erfolgs.
Der Markt zeigt seinen Reifegrad nicht an der Zahl neuer Produkte
Genauso stehen Anbieter in der Verantwortung: ELTIFs sind nicht für jeden gemacht: Ein Satz, den die Branche häufiger sagen sollte. Privatanleger sind keine Zielgruppe, der man die Komplexität der Private Markets mit einem freundlichen Etikett verkaufen sollte. Wenn ELTIFs in der Altersvorsorge künftig eine größere Rolle spielen sollen, dann nur unter einer Bedingung: Die Fehler der alten Vorsorgewelt dürfen nicht in neuem Gewand wiederholt werden. Riester ist nicht gescheitert, weil die Menschen zu wenig gespart haben. Es ist gescheitert, weil Produktkonstruktion und Vertriebsinteressen systematisch vor Anlegerinteressen standen.
Über 100 neue ELTIFs in einem Jahr sind ein Zeichen von Dynamik. Sie sind jedoch noch kein Zeichen von Qualität. Ein verantwortungsvoller Anbieter wird Komplexität nicht kleinreden, sondern erklären. Er wird Risiken nicht weichzeichnen, sondern sauber benennen. Und er wird Zugang nicht um jeden Preis versprechen, sondern nur dort, wo Produkt, Anlagehorizont und Ziele wirklich zusammenpassen.
Christian Schneider-Sickert ist Gründer und CEO von Liqid. Der digitale Vermögensverwalter betreut Kundengelder von rund 3,8 Milliarden Euro. Mit „Private Equity NXT“ legte Liqid 2024 einen der wachstumsstärksten ELTIFs in Europa auf. Vergangenes Jahr folgten „Infrastructure NXT“ und „Private Debt NXT“.
https://www.liqid.de
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 09-2026 erschienen.
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