Die Branche lebt weiter – aber nur, wenn Anlegerinteressen mehr nach vorn rücken
Warum die eigentliche Krise der Sachwertbranche tiefer liegt als jede Scope-Statistik. Die Branche hat kein Zahlenproblem. Sie hat ein Vertrauensproblem.
Ja, Scope meldet für 2025 einen Rückgang des Angebotsvolumens um 62 Prozent. Ja, nur noch zehn neue Publikums-AIF wurden zugelassen, ausschließlich Immobilienfonds. Die Platzierung ging um 23 Prozent zurück. Wobei: Nicht alle Marktteilnehmer haben ihre Zahlen gemeldet – allein dieser Umstand zeigt, dass die Erhebung immanente Ungenauigkeiten hat. Der reale Rückgang der Platzierung könnte womöglich eher bei zwölf bis 18 Prozent liegen. Aber selbst das wäre noch dramatisch genug.
Die Frage ist nur: Was genau sagen uns diese Zahlen?
Sie sagen uns weniger über die Zukunftsfähigkeit einer Anlageklasse als über den Zustand einer Branche, die in Teilen das Vertrauen ihrer Kunden verspielt hat. Wer verstehen will, warum Vermittler zurückhaltend platzieren und Anleger zögern, der muss nicht auf Scope-Tabellen schauen. Der muss auf das schauen, was hinter den Zahlen passiert ist.
Bei der Project-Gruppe warten über 30.000 Anleger darauf zu erfahren, wie viel ihrer 1,4 Milliarden Euro sie jemals wiedersehen. Bei One Group/Soravia droht 11.000 Anlegern bei „ProReal Europa 9 und 10“ wahrscheinlich der Totalverlust – 275 Millionen Euro. Bei der DEGAG ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrugsverdachts; auf der Gläubigerversammlung war von Strukturen die Rede, die an ein Schneeballsystem erinnern könnten. 282 Millionen Euro stehen im Feuer. Daneben verfehlen verschiedene weitere Produkte ihre prognostizierten Ergebnisse – teils erheblich.
Jeder Vermittler, der seinen Kunden eines dieser Produkte empfohlen hat, sitzt heute an einem Küchentisch und erklärt, warum das Geld weg sein könnte. Aber derselbe Vermittler muss auch dem nächsten Kunden erklären, warum Sachwerte trotzdem sinnvoll sind. Genau das ist die Herausforderung – und genau dafür braucht es Argumente, nicht Durchhalteparolen.
Kein Abgesang auf Sachwertbeteiligungen
Trotzdem wäre es ein schwerer Fehler, aus diesen Fällen den Abgesang auf Sachwertbeteiligungen abzuleiten. Immobilien, Erneuerbare Energien, Infrastruktur, Private Equity – diese Anlageklassen verschwinden nicht, weil einzelne Anbieter versagen oder betrügen. Zahlreiche Fonds in den Bereichen Logistik, Erneuerbare Energien, US-Immobilien und auch Einzelhandels- oder Wohnimmobilien haben in den vergangenen Jahren ihre Prognosewerte erreicht oder übertroffen.
Unternehmerische Sachwertinvestitionen sind kein Festgeld – aber über die Laufzeit oft sehr viel lohnender. Diese Erfolge gehen in der aktuellen Stimmung unter. Die Frage war nie ob Sachwerte. Die Frage war immer: In wessen Hände legt man sein Geld? Und das gilt übrigens auch für ELTIFs, die Scope als Konkurrenz zu geschlossenen AIF nennt. ELTIFs sind eine sinnvolle Ergänzung – aber am Ende wirken dort die exakt gleichen Risiken. Auch dort können Schlagzeilen kommen.
Wo war der VKS?
Natürlich wird gefragt: Wo war der VKS? Die Antwort ist unbequem, aber ehrlich. Ein ehrenamtlicher Branchenverband mit zwei Dutzend Mitgliedern ist kein Aufsichtsorgan und kein TÜV. Wir können Anbietern vor die Stirn schauen, aber nicht dahinter. Wenn Unternehmen nach außen professionell auftreten und im Inneren scheitern – oder gar betrügerisch handeln –, sehen wir das nicht früher als andere. Wir verstehen uns als Mitmach-Verband, nicht als Closed Shop elitärer Anbieter, die für sich in Anspruch nehmen, klüger zu sein als der Markt.
Aber wir handeln. Die Mitglieder verpflichten sich zu Transparenz und Dialog. Wir organisieren seit 2022 mit dem VKS-Sachwertkongress ein Forum, bei dem Anbieter sich den kritischen Fragen der Vertriebspartner stellen – offen, direkt, ohne Hochglanz. Über 200 Teilnehmer jedes Jahr. Denn Vertrauen gewinnt man nicht durch Hochglanzprospekte zurück, sondern durch Nähe, Ehrlichkeit und den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen – aber auch den Mut, weiter und antizyklisch zu investieren.
Was braucht diese Branche jetzt? Vor allem eines: Mut.
Mut von Anbietern, auch in schwierigen Marktphasen neue Produkte aufzulegen und dabei ehrlich zu kalkulieren – ohne geschönte Prognosen und ohne Renditeversprechen, die nur im Idealfall eintreten.
Mut von Vermittlern, komplexe Themen anzupacken, statt auf vermeintlich einfache Produkte auszuweichen. Risikokommunikation ist kein Vertriebshindernis. Sie ist das Fundament jeder ehrlichen Kundenbeziehung.
Mut von Anlegern, nicht nur nach Garantien und Erträgen zu suchen. Unternehmerische Beteiligungen tragen Marktrisiken – das liegt in ihrer Natur. Wenn sich diese Risiken realisieren, hilft es niemandem, Intermediäre und Anbieter pauschal zu verteufeln. Oft braucht es Zeit und die Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam durch schwierige Marktphasen zu kommen.
Und Mut zum antizyklischen Handeln. Es kann doch nicht sein, dass Anleger beispielsweise erst in Immobilien investieren, wenn alle Welt schreibt, dass Immobilien gut laufen. Günstig positioniert sich, wer in Krisenstimmung kauft – dann erwirbt man zu fairen Preisen oder gar Schnäppchen. Genau das ermöglichen Sachwertfonds, die jetzt in der Marktkorrektur aufgelegt werden.
Und von der Politik erwarten wir den Mut zu Rahmenbedingungen, die unternehmerische Sachwertbeteiligungen nicht regulatorisch benachteiligen.
Die Branche lebt. Aber sie wird sich nur erholen, wenn sie den Anleger ins Zentrum stellt – nicht die eigene Produktpipeline. Die Scope-Zahlen sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom.
Klaus Wolfermann ist Vorsitzender des VKS, des Verbandes der Kapitalverwaltungsgesellschaften und Sachwertanbieter e.V. Der VKS will das Vertrauen der Anleger, Investoren und Behörden festigen und das öffentliche Ansehen der Sachwertkapitalanlagen zusammen mit deren Managern fördern.
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 06 erschienen.