Elektronische Wertpapiere: Gamechanger für Private Markets
Der deutsche Kapitalmarkt steht vor einer Zäsur. Während Unternehmen heute signifikant länger im privaten Status verbleiben als noch vor zwei Jahrzehnten, wächst der Druck auf Investoren, Mitarbeiter (ESOPs) und Venture-Capital-Fonds nach Liquidität.
Ein klassischer Börsengang (IPO) ist oft ein langwieriger, kostenintensiver Marathon, der in Zeiten volatiler Märkte ein hohes Risiko birgt. Doch während der Markt über eine „Exit-Flaute“ klagt, hat sich im Hintergrund eine technologische und regulatorische Infrastruktur etabliert, die Deutschland weltweit an die Spitze der Digitalisierung privater Märkte katapultiert.
Meilenstein: das regulierte elektronische Wertpapier
Dass dies keine Zukunftsmusik mehr ist, hat ein aktueller Case rund um Anteile an Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX bewiesen. Innerhalb von nur 36 Stunden wurde eine SpaceX-Beteiligung als reguliertes elektronisches Wertpapier nach dem deutschen Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWpG) aufgesetzt. Ein Prozess, der früher Monate gedauert hätte, ist nun in Rekordzeit möglich. Das zeigt: Die technologische Reife und das eWpG ermöglichen einen echten Strukturwandel.
Der Fall rund um SpaceX markiert dabei einen ersten wichtigen Proof of Concept für die Leistungsfähigkeit der neuen Infrastruktur. Entscheidend wird nun sein, inwieweit sich diese Effizienzgewinne in standardisierte Prozesse überführen, auf eine breitere Marktteilnahme skalieren lassen und eine nachhaltige Sekundärmarktliquidität entstehen kann.
Vom Paper-Unicorn zum liquiden Asset
Unternehmen wie SpaceX, Stripe oder Databricks sind längst keine klassischen Start-ups mehr. Es sind sogenannte „Late-Stage-Unicorns“ mit funktionierenden Geschäftsmodellen und einer etablierten Bewertungsdynamik. Bisher blieb der Zugang zu diesen Pre-IPO-Werten jedoch einem extrem elitären Kreis vorbehalten. Das Hauptproblem dabei war die Illiquidität: Die Anteile waren zwar auf dem Papier Milliarden wert, ließen sich aber kaum handeln. Sie blieben „Paper-Unicorns“.
Hier liefert die Tokenisierung die notwendige Infrastruktur für ein „Dual-Track“-Modell. Durch die Verbriefung als elektronische Wertpapiere werden diese Anteile erstmals breit zugänglich und – was noch entscheidender ist – perspektivisch sekundärmarktfähig. Wir erleben die Transformation von Private Equity hin zu einer neuen, digitalen Assetklasse, die die Vorteile privater Bewertungen mit der Effizienz öffentlicher Märkte verbindet. Dies schafft eine völlig neue Liquiditätsquelle für den Sekundärmarkt, ohne den Druck eines verfrühten Börsengangs.
36-Stunden-Settlement: Die neue institutionelle Marktreife
Der Erfolg des SpaceX-Projekts basierte auf dem nahtlosen Zusammenspiel spezialisierter Partner für die technologische Infrastruktur (tokenforge), Verwahrung (Tangany), regulatorische Strukturierung (Concedus), Registerführung (NYALA) sowie des Settlements über die Stellar-Blockchain. Dies zeigt, dass Deutschland durch das eWpG aktuell zum weltweit spannendsten Labor für die Digitalisierung der Private Markets geworden ist. Das Zusammenspiel besitzt heute volle institutionelle Marktreife und setzt neue Maßstäbe in der Abwicklungsgeschwindigkeit.
Dieses Ökosystem ermöglicht eine Reduzierung der Abwicklungszeit auf nahezu Echtzeit (T+0). Für Emittenten und Investoren bedeutet das eine radikale Senkung des Marktrisikos. In einem Umfeld, in dem sich geopolitische und makroökonomische Parameter stündlich ändern können, ist Geschwindigkeit eine Form des Risikomanagements. Wenn ein Prozess statt Wochen nur noch 36 Stunden dauert, verschwindet das klassische Abwicklungsrisiko fast vollständig. Elektronische Wertpapiere sind hierbei das Vehikel, das diese Effizienz erst rechtssicher macht.
Abgrenzung zu VC: Anlegerschutz durch das eWpG
Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses Modell kein klassisches Venture Capital (VC) ist. Der Fokus liegt auf etablierten Marktführern in ihrer späten Phase. Das eWpG fungiert hierbei als Anlegerschutz-Anker. Es räumt mit dem Vorurteil auf, dass Blockchain-Technologie ein rechtsfreier Raum sei. Im Gegenteil: Erst der klare rechtliche Rahmen des eWpG hat den Startschuss für diese Assetklasse in Deutschland gegeben.
Regulierung ist hier kein Bremsklotz, sondern der entscheidende Geschwindigkeitsvorteil. Die rechtliche Sicherheit ermöglicht überhaupt erst institutionelle Kapitalallokation. Elektronische Wertpapiere bieten die notwendige Klarheit für professionelle Investoren, die in Late-Stage-Unicorns investieren wollen, aber auf die Einhaltung europäischer Aufsichtsstandards angewiesen sind.
Das Druckventil für den modernen Kapitalmarkt
In Zeiten, in denen Exits über den traditionellen Weg stagnieren, bietet der digitale Sekundärmarkt ein notwendiges „Druckventil“. Venture -apital-Investoren können ihre Fonds-Laufzeiten aktiver managen und Mitarbeiter ihre Anteile liquidieren, ohne das Unternehmen in einen strategisch unpassenden IPO zu drängen. Dies nimmt den Druck von den Kapitalmärkten und erlaubt es Unternehmen, organisch und fokussiert weiterzuwachsen, während Investoren dennoch Liquiditätsereignisse realisieren können.
Der Fall SpaceX war erst der Anfang. Kandidaten wie Stripe oder Databricks stehen bereits in der Pipeline. „Speed-Investing“ und regulatorische Sicherheit sind dabei keine Gegensätze, sondern die Basis für einen modernen, liquiden Kapitalmarkt 2.0. Die Ära, in der Private-Market-Investments Monate für das Settlement benötigten, ist vorbei. Mit der technologischen In-frastruktur und dem rechtlichen Fundament durch elektronische Wertpapiere hat die Zukunft der Private Markets in Deutschland bereits begonnen.
Moritz Stumpf ist CEO und Co-Founder der tokenforge GmbH, eines Hamburger Technologieanbieter, der eine White-Label-Infrastruktur für die rechtssichere Emission und Verwaltung digitaler Sachwerte wie Immobilien oder Anleihen bereitstellt.
Sascha Miller ist Geschäftsführer der Cometum GmbH, Gräfelfing, einer digitalen Investment-Boutique, die Anlegern über eigene Produkte den Zugang zu exklusiven und bisher schwer zugänglichen Private-Market-Assets ermöglicht.
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 10-2026 erschienen.
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