
Energie wird wieder zur strategischen Ressource. Ukrainekrieg und Nahost-Spannungen zeigen, wie verletzlich Versorgungssysteme sind. Der Strombedarf wächst durch Elektrifizierung, KI, Rechenzentren und Industrie.
Damit rückt Infrastruktur in den Mittelpunkt – aber nicht als Einheitsblock. Netze, Speicher, Flexibilität und digitale Steuerung: das zentrale Anlagethema der nächsten Dekaden liegt im Energiesystem. Entscheidend aber ist, ob Strom dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Ausbau ist nicht gleich Nutzbarkeit
Negative Strompreise sind nicht gleichbedeutend mit kostenloser Energie. Trifft viel Wind- oder Solarstrom auf zu wenig Netzkapazität, Speicher oder flexible Nachfrage, fällt der Preis unter null und Netzbetreiber müssen eingreifen. Allein in Deutschland kostete das Management von Netzengpässen 2025 über drei Milliarden Euro.
Vergangenes Jahr gab es 573 Stunden mit negativen Preisen, 2024 waren es 457 Stunden. In 40 Stunden überschritten die Preise die 300-Euro-Marke je Megawattstunde. Der durchschnittliche Day-Ahead-Preis stieg auf über 89 Euro je Megawattstunde, knapp 14 Prozent mehr als 2024.
Stromnetze werden zur strategischen Wachstumsinfrastruktur
Europa ist kein Sonderfall, aber ein gutes Beispiel für den Bedarf: mehr als elf Millionen Kilometer Stromnetz, rund 40 Prozent der Verteilnetze älter als 40 Jahre, Verdopplung der grenzüberschreitenden Übertragungskapazität bis 2030. Allein für Stromnetze werden knapp 600 Milliarden Euro benötigt.
Eine für die EU-Kommission von Mario Draghi vorgelegte Wettbewerbsanalyse beziffert Europas zusätzlichen Investitionsbedarf auf bis zu 800 Milliarden Euro pro Jahr, neuere Schätzungen sogar auf rund 1,4 Billionen Euro. Das schließt Digitalisierung, Industrie, Verteidigung und Klimaresilienz ein. Ohne leistungsfähige Netze funktioniert vieles davon nicht.
Global dasselbe Bild: KI, Rechenzentren, Elektrifizierung und Erneuerbare Energien treffen auf zu langsam wachsende Netze. Verlässlicher Strom wird zum Standortvorteil.
Börsennotierte Versorger stehen im Mittelpunkt des Wachstums
Für Anleger verschiebt sich der Fokus daher von einzelnen projektbezogenen Infrastrukturanlagen zu Plattformen, die Netze ausbauen, Speicher integrieren, Lasten steuern und Investitionsprogramme über Jahre umsetzen. Große börsennotierte Infrastrukturunternehmen haben Vorteile: Kapitalzugang, Regulierungserfahrung, technische Teams und breite Portfolios.
Der Großteil europäischer Investitionen wurde bisher privat finanziert und auch dieser strukturelle Umbau braucht privates Kapital. Private Infrastruktur bleibt interessant, ist aber weniger flexibel, illiquide und von hohem Leverage geprägt. Liquide Infrastruktur- und Versorgerwerte dagegen sind weiter attraktiv bewertet, bei steigendem Investitionsbedarf. Anleger kaufen hier nicht nur defensive Cashflows, sondern Zugang zum neuen Engpass und Wachstumsfeld der Weltwirtschaft, was den Einstiegszeitpunkt derzeit interessant macht.
Sascha Hasterok ist Investment Stratege bei Wellington Management. Wellington Management ist ein unabhängiger, global tätiger Vermögensverwalter mit Hauptsitz in Boston, USA, mit Assets under Management (AuM) in Höhe von rund 1,3 Billionen US-Dollar.
Der Beitrag ist zuerst im Jahrbuch der Deutschen Anlageberatung 2026 erschienen.