
Der aktuelle Nahostkonflikt zeigt erneut, wie stark geopolitische Krisen auf Energiepreise und damit auf Wirtschaft und Energieversorgung durchschlagen können. Unmittelbar nach Beginn der Eskalation stiegen die Ölpreise erheblich an, Transportkosten gerieten unter Druck und die Sorge vor einer steigenden Inflation kehrte zurück. Erneut zeigt sich, dass eine fossile Abhängigkeit gravierende strategische Nachteile hat und dringend Alternativen benötigt werden.
Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Photovoltaik zu. Ihr Vorteil: Sie lässt sich auf bereits versiegelten Flächen installieren und vergleichsweise schnell ausbauen. Besonders große Potenziale bieten die Dächer von Logistik- und Industrieimmobilien.
Beitrag zur Energiewende durch Logistikimmobilien
Allein in Deutschland stehen rund 363 Millionen Quadratmeter kommerziell nutzbare Dachflächen zur Verfügung. Würden diese konsequent mit Photovoltaik-Modulen ausgestattet, ließe sich eine Leistung von mehr als 36 Gigawatt installieren. Damit könnten Logistikimmobilien einen spürbaren Beitrag zur Energiewende leisten.
Bislang wird dieses Potenzial jedoch kaum genutzt. Auswertungen größerer Logistikregionen zeigen, dass vielerorts weniger als zehn Prozent der verfügbaren Dachflächen mit Photovoltaik belegt sind. Gleichzeitig entstehen jedes Jahr weitere fünf bis sechs Millionen Quadratmeter Hallenfläche und damit auch zusätzliche Dachflächen. Das Potenzial ist also vorhanden. Jetzt muss es konsequent erschlossen werden.
Potenzial zum Großteil nicht genutzt
Die Hürden sind jedoch hoch. Häufig stellen Netzanschlüsse und Einspeisemöglichkeiten eine Herausforderung dar. Hinzu kommen Finanzierungsfragen, der Aufwand für Planung und Umsetzung sowie unterschiedliche Interessen von Eigentümern, Mietern und weiteren Akteuren. Das Ergebnis: Ein großer Teil des vorhandenen Potenzials bleibt bislang ungenutzt.
Ein zentraler Teil der Lösung können Batteriespeicher insbesondere dort sein, wo Netzanschlüsse und Einspeisemöglichkeiten zum Engpass werden. Sie ermöglichen es, Stromüberschüsse zwischenzuspeichern, Lastspitzen abzufangen und vorhandene Netzanschlüsse effizienter zu nutzen. Damit erhöhen sie nicht nur die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen, sondern tragen auch dazu bei, Netzengpässe und Abregelungen zu reduzieren.
Distributionszentren werden Energiestandorte
Künftig könnte die Rolle von Logistikimmobilien sogar weit über die Erzeugung und Speicherung von Solarstrom hinausgehen. Überschüssiger Strom aus Photovoltaikanlagen kann für den Eigenverbrauch gespeichert, zum Laden von Fahrzeugflotten genutzt oder zur Netzstabilisierung eingesetzt werden. Logistikstandorte könnten damit nicht nur Energie erzeugen und speichern, sondern auch zur Umwandlung erneuerbarer Energien beitragen. Aus reinen Distributionszentren würden so schrittweise multifunktionale, resiliente Energie- und Infrastrukturstandorte, deren dezentrale Struktur die Ausfallrisiken kritischer Infrastrukturen reduziert.
Das Potenzial ist vorhanden, die Technologien stehen bereit und die Flächen sind erschlossen. Nun gilt es, die bestehenden Hürden zu überwinden und Logistikimmobilien als festen Bestandteil einer resilienten Energieversorgung zu nutzen.
Tobias Kassner ist Head of Research und Mitglied der Geschäftsleitung von Garbe Industrial, Hamburg. GARBE ist einer der führenden Anbieter und Manager für Investition, Entwicklung, Vermarktung und Management von Immobilien im Bereich Logistik-, Industrie- und Gewerbeimmobilien in Deutschland und Europa.
Der Beitrag ist zuerst im EXXECNEWS Schwerpunkt Erneuerbare Energien in EXXECNEWS Ausgabe 13-2026 erschienen.