Handel: Nicht die Fläche, sondern das Flair zählt
Nach wie vor befindet sich der stationäre Handel in einem Transformationsprozess und mit ihm die Rolle der Einkaufszentren. Heute geht es um weit mehr als Konsum. Gefragt sind Orte, die Menschen verbinden, inspirieren und zum Verweilen einladen. Orte, die man nicht nur aufsucht, um etwas zu kaufen, sondern um etwas zu erleben und seine Freizeit zu verbringen.
In den USA hat sich dieser Wandel schon früh vollzogen. Moderne gemischt genutzte Quartiere zeigen, wie sich Erlebnis, Identität und Aufenthaltsqualität zu einem wirtschaftlich tragfähigen Konzept verbinden lassen. Entscheidend ist nicht mehr, wie viele Einzelhandelsflächen eine Immobilie bietet, sondern welche Geschichten sie erzählt und wie sie sich in ihre Umgebung einfügt.
Verständnis für Orte und ihre Menschen
Auch in Europa gewinnt dieser Ansatz zunehmend an Bedeutung. Denn erfolgreiche Handelsimmobilien entstehen heute nicht mehr am Reißbrett, sondern durch ein tiefes Verständnis für Orte und ihre Menschen. Wichtig ist, Qualität, Architektur und Nutzung als Einheit zu sehen, mit Konzepten, die sich sowohl wirtschaftlich tragen als auch kulturell in das Umfeld eingliedern.
Ein konkretes Beispiel dafür ist ein Einkaufszentrum im baskischen Usurbil bei San Sebastián, das Jamestown 2024 umfassend repositioniert hat. Das Center war lange ein klassischer Handelsstandort, aber mit wenig Charakter. Nach der Neuausrichtung ist es ein lebendiger Ort, an dem Gastronomie, Kultur und lokale Identität eine zentrale Rolle spielen.
Im Mittelpunkt steht die kulinarische Vielfalt: Statt großer Ketten prägen nun lokale Anbieter das Bild – von baskischen Pintxos (eine Art Tapas) bis zu modern interpretiertem Street Food. Sogar ein Sternekoch hat dort ein Bistro eröffnet, nachdem er zunächst in einem temporären Pop-up-Konzept den Standort und die Kundennachfrage getestet hatte.
Placemaking als Erfolgsfaktor
Was hier im Kleinen sichtbar wird, beschreibt den Kern dessen, was international als Placemaking gilt: die bewusste Gestaltung von Orten, die Menschen anziehen, weil sie mehr bieten als Funktionen. Placemaking bedeutet, Immobilien so zu entwickeln und zu führen, dass sie Identität stiften, Gemeinschaft fördern und damit auch langfristig wirtschaftlichen Wert schaffen. Jamestown steht für genau diesen Ansatz: Orte zu schaffen, die Menschen verbinden, inspirieren und langfristig begeistern.
Natürlich lässt sich dieser Ansatz nicht eins zu eins auf jeden Standort übertragen. Jedes Land, jede Stadt, jede Region hat eigene Prägungen, aber die Grundprinzipien bleiben dieselben: Immobilien müssen inspirieren, nicht nur funktionieren. Sie müssen Aufenthaltsqualität bieten, lokale Anbieter einbinden und offen sein für unterschiedliche Nutzungsarten, von Gastronomie über Freizeit bis hin zu Kultur. Nur so entstehen Orte, die lebendig bleiben, auch wenn sich Konsumverhalten und Handelsstrukturen verändern.
Der Handel bleibt ein zentraler Bestandteil der Gewerbeimmobilien, aber seine Zukunft liegt nicht in der Maximierung von Verkaufsflächen, sondern in der Schaffung von Lebensräumen, die einen echten Mehrwert stiften. Wenn wir über die Zukunft der Gewerbeimmobilien sprechen, sprechen wir gleichzeitig über die Zukunft unserer Städte. Über unverwechselbare Orte, die Menschen zusammenbringen und das Einkaufen zu einem Erlebnis machen.
Fabian Spindler ist Geschäftsführer der Jamestown US-Immobilien GmbH, Köln, einem Immobilienspezialisten mit Investitionsschwerpunkt USA und einem verwalteten Vermögen von 14,4 Milliarden US-Dollar (Stand: Juni 2025).
Der Beitrag ist zuerst im Schwerpunkt-Beileger zu EXXECNEWS Ausgabe 24-2025 erschienen.
Gewerbeimmobilien zwischen Herausforderung und Aufbruch