
Das Private-Credit-Segment ist mit gewohnter Dynamik ins Jahr 2026 gestartet: Die Nachfrage seitens der Anleger ist weiterhin hoch, das Anlageuniversum wächst und die Bedeutung in institutionellen Portfolios nimmt zu. Dennoch brachte das erste Halbjahr auch eine spürbare Veränderung der Marktstimmung mit sich.
Wir sind aber der Ansicht, dass diese Entwicklungen die langfristigen Argumente für Private-Credit-Anlagen nicht untergraben. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass sich der Markt von einer Phase rasanten Wachstums und allgemeiner Begeisterung – vor allem im Unternehmenssektor – zu einem reiferen und differenzierteren Ökosystem entwickelt.
Neue Trends prägen den Private-Credit-Markt
Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte 2026 lautet die zentrale Frage nicht, ob Private-Credit-Anlagen attraktiv bleiben werden. Vielmehr geht es darum, wie Anleger sich in einem Markt zurechtfinden sollten, der breiter, spezialisierter und stärker von Streuung geprägt ist.

Einige der strukturellen Themen, die den Private-Credit-Markt prägen, sind nicht neu. Das Anlageuniversum erweitert sich über die direkte Kreditvergabe hinaus, Emittenten prüfen öffentliche und private Finanzierungsalternativen und Banken werden zu immer wichtigeren Partnern für Private-Credit-Manager. Ein Unterschied im Jahr 2026 ist, dass sich diese Trends deutlicher im Marktverhalten, in den Underwriting-Ergebnissen und in der Entwicklung des breiteren Credit-Ökosystems widerspiegeln.
Vernetzung zwischen öffentlichem und privatem Sektor verändert Anlageuniversum
Die zunehmende Vernetzung der öffentlichen und privaten Kreditmärkte zeigt, wie sich das Anlageuniversum weiterentwickelt. Die Finanzierung von Rechenzentren ist ein anschauliches Beispiel für dieses breit gefächerte Instrumentarium, das Kreditnehmern zur Verfügung steht. Eine von Wellington durchgeführte Analyse von PitchBook-Daten ergab 330 Finanzierungstransaktionen für Rechenzentren im Zeitraum von Januar 2024 bis Juni 2026. Gemessen an der Anzahl der Transaktionen entfiel jeweils etwa ein Drittel der Aktivitäten auf Banken und öffentliche Märkte. Auf Private Credit entfiel etwa ein Viertel und auf gemischte Quellen rund elf Prozent.

Diese Grafik verdeutlicht, dass der komplexe Finanzierungsbedarf nicht durch eine einzige, dominierende Kapitalquelle gedeckt wird, sondern durch eine Vielzahl unterschiedlicher, stärker miteinander vernetzter Kapitalquellen. Für Manager könnte dies bedeuten, dass eine marktübergreifende Transaktionsanbahnung, Relative-Value-Analysen, Dokumentationsdisziplin und Risikoselektion an Bedeutung gewinnen.
Komplexität der Risikoprüfungen wird deutlicher
Im Zuge der Ausweitung des Private-Credit-Markts auf immer mehr Arten von Kreditnehmern, Sicherheiten-Pools und Finanzierungskanälen wird das Underwriting immer komplexer. Gleichzeitig rücken Anzeichen von Stress am Kreditmarkt die Qualität des Underwritings, der Dokumentation und des Portfoliomanagements bei allen Managern stärker in den Fokus.
Für Anleger bedeutet dies, dass sie bei der Auswahl von Managern nicht mehr nur die laufende Rendite berücksichtigen sollten, sondern auch Vorteile bei der Transaktionsanbahnung, Underwriting-Disziplin, Sektorexpertise, Strukturierungskompetenzen und die laufende Portfolioüberwachung. Mit zunehmender Reife des Marktes dürfte die Streuung unserer Ansicht nach zu einem wichtigeren Faktor für die Wertentwicklung werden als das Wachstum der Anlageklasse insgesamt.
Marktinfrastruktur und Marktzugang entwickeln sich weiter
Das Private-Credit-Ökosystem wird außerdem zunehmend durch ein breiteres Spektrum an Instrumenten für Liquidität, Finanzierung und Kapitalmanagement unterstützt. Laut PitchBook hat sich das für Sekundärmarkttransaktionen im Bereich Private Credit eingeworbene Kapital zwischen 2023 und 2025 um mehr als das 14-Fache erhöht. Bis zum Ende des ersten Quartals 2026 hatte die Kapitalbeschaffung bereits etwa 75 Prozent des gesamten im Jahr 2025 eingeworbenen Kapitals erreicht.
Die zunehmende Verbreitung von Continuation-Fonds, Portfoliotransaktionen und Sekundärmarktlösungen erweitert das Spektrum der Instrumente für das Liquiditäts- und Kapitalmanagement, die Anlegern zur Verfügung stehen. Für Anleger könnten sich dadurch zusätzliche Möglichkeiten ergeben, ihren Liquiditätsbedarf zu steuern, ihre Allokationen neu zu gewichten und über Primärfondszusagen hinaus Zugang zu Chancen im Bereich Private Credit zu erhalten. Gleichzeitig sind Banken und Private-Credit-Manager an einer immer größer werdenden Zahl von Partnerschaftsstrukturen beteiligt.
In Summe deuten diese Entwicklungen darauf hin, dass sich der Markt zunehmend institutionalisiert und über verschiedene Kanäle zugänglich wird. Für Anleger sind daher nicht nur die Qualität der Vermögenswerte, sondern auch die Liquiditätsbedingungen, die Finanzierungsvereinbarungen, die Möglichkeiten auf dem Sekundärmarkt und die allgemeine Stärke der Plattform eines Managers wichtig.
Kapitalbildung weiterhin robust, jedoch selektiver
Die Kapitalbildung im Bereich Private Credit bleibt stabil, doch bei der Mittelbeschaffung sind das Tempo und die Zusammensetzung der Finanzierungen selektiver geworden. Aus unserer Sicht ist die wichtigste Erkenntnis für Investoren nicht einfach, dass mehr Kapital außerhalb des Direct-Lending-Bereichs beschafft wird. Vielmehr setzen Anleger ihr Kapital zunehmend über ein breiteres Spektrum an Anlagemöglichkeiten ein. Dabei können sich die Arten der Kreditnehmer, die Sicherheiten-Pools, die Cashflow-Profile und die wirtschaftlichen Einflussfaktoren von Strategie zu Strategie erheblich unterscheiden.
Unserer Ansicht nach könnten Größe, Liquiditätsmanagement, Verbindlichkeitsstrukturen und Diversifizierung von Engagements zunehmend größere, ressourcenstarke Organisationen begünstigen, die in der Lage sind, das relative Wertschöpfungspotenzial zu beurteilen und ihre Allokationen über das gesamte Ökosystem hinweg zu verteilen.
Der Private-Credit-Markt reift
Wir sind der Ansicht, dass das aktuelle Umfeld günstigere Rahmenbedingungen für Manager schaffen könnte, die in der Lage sind, das gesamte Private-Credit-Ökosystem abzudecken, das relative Wertschöpfungspotenzial an öffentlichen und privaten Märkten zu bewerten, Liquiditäts- und Verbindlichkeitenstrukturen zu steuern und Marktstress mit Disziplin und Erfahrung zu bewältigen. Aus unserer Sicht ist die zunehmende Reife des Private-Credit-Markts nicht auf Kapitalzuflüsse zurückzuführen, sondern wird durch ein breiteres, tieferes und stärker vernetztes Ökosystem getragen. In Zukunft könnten insbesondere jene Anleger erfolgreich sein, die über die Schlagzeilen hinausblicken und erkennen können, wo sie in einem zunehmend vielfältigen Private-Credit-Markt angemessen für Illiquidität und die Komplexität der Risiken entschädigt werden.
Emily Bannister ist Director Private Credit und Sonali Wilson ist Director of Alternatives, Americas bei Wellington Management. Wellington Management ist ein 1928 gegründeter, unabhängiger und privat geführter globaler Asset Manager mit Sitz in Boston. Das Unternehmen verwaltet über 1,3 Billionen US-Dollar.
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 19 erschienen.