Privates Kapital zum Erreichen der Netto-Null-Ziele notwendig

Gastbeitrag von Nandita Sahgal Tully (Thomas Lloyd Group) zu den Ergebnissen des 26. Klimagipfels in Glasgow. Ihrer Einschätzung nach müssen wir in Asien ansetzen, wenn wir wirklich etwas gegen die CO2-Emissionen unternehmen wollen:

Nandita Sahgal Tully
Nandita Sahgal Tully

Seit rund drei Jahrzehnten versammeln die Vereinten Nationen fast alle Länder der Erde zu globalen Klimagipfeln, den so genannten COPs („Conference of the Parties"). In dieser Zeit hat sich der Klimawandel von einem Randthema zu einem Thema von globaler Tragweite entwickelt. In diesem Jahr war das Vereinigte Königreich Gastgeber des 26. Gipfels in Glasgow, der von vielen als eine der letzten Chancen der Weltgemeinschaft angesehen wird, sich auf Maßnahmen zu einigen, mit denen der Klimawandel unter Kontrolle gebracht werden kann. Bei all den Schlagzeilen, die der Gipfel hervorgebracht hat, sollten Teilnehmer und Beobachter seinen Erfolg an den verabschiedeten Klimaziele messen. Doch zunächst bleibt die nicht ganz einfache Aufgabe, zu definieren und zu vereinbaren, wie der Erfolg aussieht.

Offiziell gibt es zwei Ziele: die Begrenzung der Erwärmung „deutlich unter“ zwei Grad Celsius und die „Fortsetzung der Bemühungen“ zur Begrenzung auf 1,5 Grad Celsius. Ohne jegliche Maßnahmen würden wir auf eine Erwärmung von vier Grad Celsius oder mehr zusteuern. Angesichts der bereits eingeleiteten Maßnahmen wird jedoch eine Erwärmung von knapp unter drei Grad Celsius vorhergesagt, vielleicht sogar noch etwas weniger. Nach den kürzlich aktualisierten offiziellen Zusagen kann die Erwärmung auf etwa 2,5 Grad Celsius begrenzt werden, wenn wir sie erfolgreich in wirksame Maßnahmen umsetzen.

Einige könnten in diesen Zahlen ein Zeichen des Fortschritts sehen, und es wird erwartet, dass immer mehr Länder sich dazu verpflichten werden, in den kommenden Jahrzehnten Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Doch die bisherigen Zusagen der Regierungen bleiben – selbst, wenn sie vollständig eingehalten werden – weit hinter dem zurück, was erforderlich ist, um die globalen energiebedingten Kohlendioxidemissionen bis 2050 auf null zu bringen und der Welt eine Chance zu geben, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen (Quelle: IEA 2021, Net Zero by 2050). Wie können wir außerdem den Wert und die Auswirkungen nationaler Zusagen im Hinblick auf ein globales Problem bewerten?

Die Kohlenstoffkosten des Wirtschaftswachstums

Im Jahr 2019 beliefen sich die weltweiten CO2-Emissionen auf knapp über 36 Milliarden Tonnen. Betrachtet man, woher diese Emissionen stammen, so ist China mit knapp über zehn Milliarden Tonnen der größte Verursacher, gefolgt von den USA und Indien mit 5,3 Milliarden und 2,6 Milliarden Tonnen. Rechnet man die gesamte asiatische Region zusammen, so ergibt sich ein Wert von 16,6 Milliarden Tonnen - fast genau die Hälfte des weltweiten Gesamtausstoßes. Doch was sagen uns diese Zahlen im Hinblick auf die Prioritätensetzung bei unseren Maßnahmen?

Wir sind der Meinung, dass diese Emissionen aus einer BIP-Perspektive betrachtet werden sollten. Deshalb haben wir ein Konzept mit der Bezeichnung „Kohlenstoffkosten des BIP“ entwickelt, das darauf abzielt, die CO2-Emissionen pro Einheit der Wirtschaftsleistung zu messen. Konkret betrachten wir, wie viel CO2 für jede Billion US-Dollar des BIP erzeugt wird.

Unseren Schätzungen zufolge hat Indien mit 880 Millionen Tonnen die höchsten Kohlenstoffkosten, China mit 707 Millionen Tonnen die zweithöchsten (Quelle: ThomasLloyd, The Carbon Cost of Economic Growth). Betrachtet man die zehn größten Volkswirtschaften Asiens, so rangieren die Kohlenstoffkosten des BIP zwischen 880 Millionen Tonnen in Indien bis zu 338 Millionen Tonnen in Bangladesch. Der regionale Durchschnitt von 566 Millionen Tonnen ist mehr als viermal so hoch wie der Durchschnitt der vier größten Länder in Europa.  Mit anderen Worten: Wenn wir wirklich etwas gegen die CO2-Emissionen unternehmen wollen, müssen wir in Asien ansetzen.

Die Rolle von Blended Finance

Die G20 schätzen, dass in nur fünf Ländern Asiens – denjenigen, in denen wir unsere Aktivitäten ausweiten wollen – bis 2040 etwa 7,9 Billionen US-Dollar benötigt werden: rund 340 Milliarden US-Dollar pro Jahr (Quelle: G20, Forecasting infrastructure investment needs and gaps). Die Bewältigung dieses Problems erfordert daher hohe Investitionen. Da jedoch die öffentlichen Finanzen in den letzten Jahren durch die COVID-Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, muss ein Großteil davon aus einer Kombination von privatem und öffentlichem Kapital stammen.

Ein konkretes Beispiel für die Art von öffentlichen und privaten Partnerschaften, die entwickelt werden können, um diese Finanzierungslücke und den Klimawandel anzugehen, ist das MOBILIST-Programm (Mobilising Institutional Capital Through Listed Product Structures) der britischen Regierung, für das der Energy Impact Trust von ThomasLloyd zusammen mit InfraCo - Helios CLEAR und der Green Guarantee Company ausgewählt wurde.

Auf der COP26 gab die britische Regierung bekannt, dass ihr Programm mit 66 Millionen Britischen Pfund aufgestockt wurde. Mit dem Geld sollen neue Produkte unterstützt werden, die den Entwicklungsländern einen besseren Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten verschaffen sollen, um die Infrastruktur, die Technologie und die Unternehmen zu finanzieren, die sie zur Bekämpfung des Klimawandels und zur Förderung eines nachhaltigen Wachstums benötigen. Wir hoffen, dass dieses Programm von weiteren Regierungen auf der ganzen Welt nachgeahmt wird, um die Finanzierungslücke zu schließen, die dem Erreichen der Netto-Null-Ziele derzeit im Wege steht.

War die COP26-Konferenz also ein Erfolg? Nun, das hängt davon ab, wen Sie fragen. Der Klimapakt von Glasgow ist der erste COP-Beschluss, der ausdrücklich Maßnahmen gegen fossile Brennstoffe vorsieht, indem er einen „schrittweisen Ausstieg aus der ungebremsten Kohleverbrennung“ und ein „Auslaufen“ der „ineffizienten“ Subventionen für fossile Brennstoffe fordert. Niemand kann jedoch daran zweifeln, dass es dringend notwendig ist, zu handeln und nicht nur zu reden. Die meisten von uns werden jedoch der Einschätzung des altgedienten britischen Rundfunksprechers und Dokumentarfilmers David Attenborough zustimmen: „Wir sind schließlich die größten Problemlöser, die es je auf der Erde gegeben hat. Wenn wir getrennt arbeiten, sind wir stark genug, um unseren Planeten zu destabilisieren. Wenn wir zusammenarbeiten, sind wir sicherlich stark genug, um ihn zu retten.“

Nandita Sahgal Tully ist Managing Director, Infrastructure Asset Management bei der Thomas Lloyd Group. Die Investment- und Beratungsgesellschaft mit Hauptsitz in Zürich und weiteren Standorten in Nordamerika, Europa und Asien hat die sich auf den Erneuerbare-Energien-Sektor in Asien spezialisiert. Mit mehr als 250 Mitarbeitern verwaltet die Thomas Lloyd Group aktuell Vermögenswerte von über 3,7 Milliarden Euro.

www.thomas-lloyd.de

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