Die US-Branche für nachhaltiges und wirkungsorientiertes Investieren steht nach Jahren des Wachstums unter politischem Druck. US-SIF-Chefin Maria Lettini sieht die aktuelle Gegenbewegung dennoch als Chance zur Klärung und erwartet mittelfristig eine stärkere Nachfrage nach thematischen Anlagestrategien.
Die Debatte um nachhaltiges Investieren in den USA hat nach Einschätzung von Maria Lettini, Chefin des Branchenverbands Forum for Sustainable and Responsible Investment (US-SIF), zu einer stärkeren Fokussierung auf die tatsächliche Wirkung und finanzielle Relevanz nachhaltiger Anlagestrategien geführt. Die Branche habe zwar zuweilen zu viel versprochen, die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Angriffe könnten aber dazu beitragen, das Feld langfristig zu stärken, sagte Lettini in einem Interview.
„Natürlich haben wir zu viel versprochen. Aber das passiert bei allem, was aufregend ist“, sagte Lettini in einem Gespräch mit der Berliner Technologieplattform Clarity AI. Die Branche müsse nun stärker herausarbeiten, welche Ansätze tatsächlich Bestand hätten und Renditen liefern könnten. Sie selbst fühle sich durch die Auseinandersetzungen inzwischen sogar gestärkt.
Lettini war vor ihrem Wechsel zu US-SIF unter anderem bei JPMorgan und der Deutschen Bank im Bereich internationale Aktienmärkte tätig. Besonders ihre Arbeit mit Schwellenländern habe ihr früh gezeigt, dass Nachhaltigkeitsthemen unmittelbar finanzielle Auswirkungen haben können. Als Beispiel nannte sie das Wetterphänomen El Niño und dessen Folgen für Sardellenbestände in Peru und damit für die weltweiten Preise von Fischmehl.
Die derzeitige Zurückhaltung großer Vermögensverwalter bei der öffentlichen Kommunikation zu Nachhaltigkeitsthemen hält Lettini für vorübergehend. Sobald sich das politische Umfeld wieder öffne, werde es voraussichtlich mehr Kommunikation über thematische Investments, die Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen und die Rolle des Anleihemarktes geben. Auch der Wiederaufbau von Infrastruktur und Kommunen in den USA werde mit diesen Fragen verbunden sein.
Lettini setzt dabei auf einen zurückhaltenden Umgang mit der politischen Auseinandersetzung. Zu Beginn ihrer Amtszeit habe es innerhalb der Branche Forderungen gegeben, offensiv gegen Angriffe vorzugehen. Sie habe sich zunächst bewusst für Diplomatie und den Schutz bestehender Projekte entschieden. „Man muss entscheiden, wann man energisch auftreten muss und wann Diplomatie zu einem wirksamen Ergebnis führen kann“, sagte sie.
Ihr Ziel für die Zukunft sei es, Menschen davon abzuhalten, angesichts des Gegenwinds aufzugeben. Die Branche müsse aus ihrer Sicht ausreichend stark werden, um langfristig zu ihren übergeordneten Zielen beitragen zu können. (DFPA/abg)
Clarity AI ist eine Technologieplattform für Nachhaltigkeit, die 2017 in Berlin gegründet wurde. Sie bietet Lösungen für Finanzinstitute, Unternehmen, Regierungen und Verbraucher, die komplexe Daten in entscheidungsrelevante Erkenntnisse für die Bewertung von Risiken, Auswirkungen und Chancen umwandeln. Das Unternehmen kombiniert proprietäre Erfassungssysteme, KI-gestützte Verarbeitung und strenge Expertenvalidierung.