Aufwind für Schwellenländer-Unternehmensanleihen
Die reduzierte Sichtbarkeit der globalen Wirtschaftsaussichten hat dazu geführt, dass sich die Leistungsunterschiede zwischen Regionen, Unternehmen und Assetklassen ausgeweitet haben. Diese Komplexität schafft interessante Differenzierungsmöglichkeiten, insbesondere im Anleihenmarkt – einschließlich der Unternehmensanleihen aus Schwellenländern.
Dieser tiefgreifende Markt umfasst fast 2.500 Milliarden Dollar – mehr als die Staatsanleihen von Schwellenländern (1.400 Milliarden Dollar) und der US-Hochzinsanleihenmarkt (1.300 Milliarden Dollar). Dieses riesige und kontrastreiche Universum erfordert einen selektiven und umsichtigen Ansatz. Ziel ist es, diejenigen Unternehmen zu identifizieren, die sich in der stärksten Position befinden, um von der aktuellen Marktdynamik zu profitieren.
Bewertungs- und Rating-Ineffizienzen bieten Chancen
In den Schwellenländern leiden viele Unternehmen aufgrund ihres staatlichen Hintergrunds noch immer unter einer verzerrten Wahrnehmung. In einigen Fällen sind die Emittentenratings durch ihre Länderratings gedeckelt. Dies ist insbesondere in Argentinien der Fall, wo mehrere Unternehmen solide Fundamentaldaten aufweisen – moderate Verschuldung, solide Unternehmensführung, komfortable Barreserven – aber mit „CCC“ bewertet werden.
An dieser Stelle ist es für Anleger von großer Bedeutung, diese Diskrepanz zwischen der inneren Qualität eines Unternehmens und seinem Rating zu erkennen. Das Kreditrating ist eine Alpha-Quelle für Anleger, die Anleihen auswählen.
Technische Faktoren und makroökonomische Divergenzen stützen Schwellenländer
Nach drei Jahren mit Abflüssen in Höhe 137 Milliarden US-Dollar stabilisiert sich die Anlageklasse allmählich. Die Investorenbasis hat begonnen, sich zu erholen, und mögliche Zuflüsse scheinen nun höher als die Abflüsse.
Das makroökonomische Umfeld ist ebenfalls günstig für Schwellenmärkte. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert ein Wachstum von 3,7 Prozent für Schwellenländer im Vergleich zu bescheidenen 1,4 Prozent in den entwickelten Märkten. Einige Länder zeigen besonders robuste Aussichten: 5,5 Prozent in Argentinien, 3,0 Prozent in Nigeria, 2,8 Prozent in Peru, 2,4 Prozent in Kolumbien, 2,7 Prozent in der Türkei und 2,0 Prozent in Brasilien.
Ein weiterer unterstützender Faktor ist die jüngste Abwertung des US-Dollars, der seit Beginn des Jahres um 9,8 Prozent gefallen ist. Dieser Trend hat die Spannungen bei Schwellenländer-Staatsanleihen gelindert, da deren Einnahmen tendenziell in lokalen Währungen erzielt werden, während die Schulden in US-Dollar denominiert sind.
Unternehmen aus Schwellenmärkten sind weniger empfindlich gegenüber dem US-Dollar: Viele von ihnen generieren Einnahmen in US-Dollar, sodass sie ihre Verbindlichkeiten in US-Dollar decken können. Ein schwacher US-Dollar bleibt jedoch ein positiver Faktor für die Stimmung der Investoren.
Robuste Kreditkennzahlen
Unternehmen in Schwellenländern zeigen im Allgemeinen robuste Fundamentaldaten, die durch niedrige Schulden und komfortable Barreserven gestützt werden. Während es wichtig ist, eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Sektoren, Ländern und Emittenten zu treffen, sind die Kreditkennzahlen insgesamt solide und bieten der Anlageklasse eine gute Grundlage:
- Das Verhältnis von Nettoverschuldung zu EBITDA liegt bei Schwellenländer-Hochzinsanleihen beim 2,6-fachen gegenüber dem 3,5-fachen für US-Hochzinsanleihen und dem 4,7-fachen für europäische Hochzinsanleihen.
- Die Ausfallraten werden 2025 voraussichtlich auf 3,7 Prozent sinken, nach 3,9 Prozent in 2024 und 8,7 Prozent in 2023. Der chinesische Immobiliensektor dürfte weiterhin den größten Teil dieser Ausfälle ausmachen (30,4 Prozent). Ohne den chinesischen Immobiliensektor wird die Ausfallrate voraussichtlich bei 1,1 Prozent liegen.
- Das Upgrade-Verhältnis (35) hat das Downgrade-Verhältnis (31) seit Jahresbeginn übertroffen, was darauf hindeutet, dass Unternehmen sowohl hinsichtlich der Leistung als auch der finanziellen Aussichten einen positiven Trend zeigen.
Ein dynamischer Emissionsmarkt
Der Primärmarkt war besonders aktiv: Bis Ende Juli 2025 wurde Anleihen im Wert von 305 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Für das gesamte Jahr 2025 wird ein Gesamtvolumen von rund 430 US-Dollar erwartet. Während herkömmliche Refinanzierungen weiterhin einen großen Anteil des Volumens ausmachen, stechen einige neue Emissionen hervor: Nutresa, das führende Unternehmen im Bereich Lebensmittelservice in Kolumbien, und Vista, der Energieanbieter in Argentinien.
Das verbesserte Staatsumfeld in Argentinien, insbesondere nach der schrittweisen Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen, ist ebenfalls ein positiver Faktor für Investoren und könnte die Ankunft neuer Emittenten unterstützen, die Kapital auf dem Anleihenmarkt aufnehmen möchten.
Handelskonflikte
In Regionen außerhalb Asiens wie Lateinamerika und Afrika bleiben die direkten Auswirkungen von Zöllen begrenzt. In Brasilien hatte die kürzlich angekündigte Erhöhung der Zölle um 40 Prozent keine Auswirkungen auf die Anleihepreise, da die meisten Sektoren in Wirklichkeit davon ausgenommen sein werden. In Kolumbien, Argentinien oder Peru dürften die Erhöhungen unserer Einschätzung nach zehn Prozent nicht überschreiten.
Während die unmittelbaren Auswirkungen dieser Zölle marginal erscheinen, sind ihre indirekten Folgen – insbesondere für das globale Wachstum und die Volatilität in den Rohstoffmärkten – aufmerksam zu beobachten. Einige Sektoren wie Aluminium, Stahl und die Automobilindustrie könnten tatsächlich betroffen sein.
Performance-Treiber
Trotz enger Kredit-Spreads im Vergleich zu ihrem historischen Durchschnitt und einem begrenzten Potenzial für eine weitere Kompression – insbesondere aufgrund überarbeiteter Wachstumserwartungen für 2025 – profitieren Schwellenländer-Unternehmensanleihen weiterhin von einer positiven Perspektive und historisch hohen Renditen.
Fazit: Lateinamerika und Afrika bieten eine Kombination aus Wachstumsdynamik und attraktiver Sektordiversifizierung sowie lokal ansässiger Unternehmen mit starker internationaler Ausrichtung. In Afrika profitieren besonders Sektoren wie Telekommunikation, Energieversorgung und Banken von hohem Wachstumspotenzial, unterstützt durch die dynamischen demografischen Trends des Kontinents.
Lisa Turk ist Fondsmanagerin des „Emerging Corporate Debt“ bei Edmond de Rothschild AM. Edmond de Rothschild Asset Management ist ein unabhängiger, global agierender Vermögensverwalter mit rund 101 Milliarden Euro Assets under Management.
https://www.edmond-de-rothschild.com/de
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 19 erschienen.