Kapital für die Demokratie – Warum Anleger mehr Verantwortung tragen, als sie denken
Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie braucht Wähler, Institutionen – und Geld. In Zeiten wachsender Polarisierung, schwindenden Vertrauens in Politik und Medien und zunehmender systemischer Anfeindungen stellt sich die Frage: Können Märkte retten, was Politik allein nicht mehr stabilisieren kann? Dr. Anna Herrhausen, Vorständin der PHINEO gAG, hat dazu eine klare Haltung: „Impact Investing muss mehr sein als grün und sozial. Es muss politisch werden“, sagt die Politikwissenschaftlerin.
Wer heute Kapital verantwortet, verantwortet auch Gesellschaft. Dr. Anna Herrhausens Vorschlag ist unbequem, aber plausibel: Wer von offenen Märkten profitiert, muss in offene Gesellschaften investieren. Demokratie ist kein externer Effekt – sie ist das Fundament, auf dem Wirtschaft gedeiht.
Von der Erosion zur Entkernung
In einem Vortrag beim Chapter Hamburg der Bundesinitiative Impact Investing (BIII) zeichnet Herrhausen ein erschütternd klares Bild: Demokratien zerfallen selten in einem Knall. Stattdessen beginnt der Prozess mit dem schleichenden Verlust von Vertrauen in staatliche Institutionen. Die Folge: Polarisierung, Desinformation, Delegitimierung von Mandatsträgern. Und schließlich – wie in Ungarn, Russland oder den USA beobachtbar – der Umbau staatlicher Strukturen von innen heraus. „Trump, Orban, Putin – sie sind nicht vom Himmel gefallen“, sagt Herrhausen. „Sie nutzen Risse im System, die schon lange vorher entstanden sind.“ Das Geschäftsmodell autoritärer Politik: einfache Antworten auf komplexe Krisen – und massive Ressourcen, um Diskurse, Medien und Institutionen gezielt zu unterwandern.
Die große Frage: Wo bleibt das Gegenkapital?
Die wenig tröstliche Erkenntnis: Auch Demokratien haben ein Finanzierungsproblem. Während antidemokratische Netzwerke gezielt Geld in Meinungsmacht, Medienmonopole und digitale Rüstung investieren, bleibt die Gegenwehr oft reaktiv und unterfinanziert. Und genau hier setzt Herrhausens Argument an: „Wenn Kapital das Problem beschleunigt – warum nicht auch Teil der Lösung sein?“, fragt sie.
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