Finanz-Startup-Radar: Vinlivt
Finanzberatung neu gedacht: Wie Vinlivt den Vertrieb digitalisiert
Die Finanz- und Versicherungsbranche steht unter Druck: steigende regulatorische Anforderungen, wachsende Kundenerwartungen und ein zunehmend digitaler Wettbewerb verändern das Geschäft. In diesem Umfeld positioniert sich das FinTech Vinlivt. Der Anspruch: Finanzberatung datengetriebener und dadurch effizienter zu machen. Das Unternehmen mit Sitz in München, das im Jahr 2022 von Uwe Lätsch und Dariusz Borowski gegründet wurde, hat eine Plattform entwickelt, die sich an Finanzberater, Vermittler und Vertriebe richtet. Im Zentrum steht eine All-in-One-Lösung, die Prozesse von der Kundenakquise bis zum Vertragsabschluss digital abbilden soll. Ziel: Administrative Aufgaben zu reduzieren und Beratern mehr Zeit für die eigentliche Beratung zu verschaffen. Die Vinlivt-App dient als Benutzeroberfläche für Kunden mit Finanzübersicht, Vorsorgeplanung etc. Über die dahinterliegende Infrastruktur ermöglicht die Software Finanzberatern und Vermittlern die Verwaltung von Kundendaten, Produkten, Prozessen sowie die Automatisierung von Beratung und Abschluss. Maklerpools wie beispielsweise Netfonds sind als Technologiepartner angebunden. „Unsere Plattform setzt dort an, wo der Markt aktuell den größten Druck verspürt, nämlich beim zunehmenden Personalmangel und der Notwendigkeit, vorhandene Ressourcen maximal effizient zu nutzen. Wir bündeln Vertrags-, Kunden- und Bestandsdaten automatisiert, bereinigen sie strukturell und halten sie laufend aktuell. Das entlastet Backoffice-Strukturen erheblich, reduziert manuelle Pflege und schafft eine belastbare Datengrundlage für Beratung und Vertrieb. So können bestehende Beratungskapazitäten bestmöglich genutzt werden“, sagt Lätsch auf Anfrage von EXXECNEWS. Durch die Integration von Finanzdaten über Schnittstellen und somit die Anbindung von Konten und weiteren Datenquellen entsteht eine konsolidierte Sicht auf die finanzielle Situation von Kunden. Diese soll Beratung ermöglichen, ohne dabei den persönlichen Kontakt zu ersetzen. „Über die Vinlivt-Kunden-App haben Endkunden jederzeit Zugriff auf ihre Versicherungen, alle relevanten Dokumente und ihre persönliche Beratung direkt auf dem Smartphone. Die App liegt sprichwörtlich in der Hosentasche der Vermittlerkunden und wird so zum dauerhaften digitalen Kontaktpunkt im Alltag“, sagt Lätsch. Rund 1.000 Berater und etwa 75.000 App-User verwenden laut Vinlivt die Lösung. Zum Umsatz macht das Unternehmen keine Angaben.
Gründungs-Motivation: Ineffiziente Prozesse und mangelnder Zugriff auf Finanzdaten
Wie bei vielen jungen FinTechs durchlief Vinlivt zunächst eine frühe Finanzierungsphase und sicherte sich anschließend weiteres Kapital in einer Seed-Runde. Laut Angaben von Vinlivt entstand das Unternehmen aus der Beobachtung, dass Finanzberatung für Kunden und Berater oft unübersichtlich und durch fragmentierte Systeme geprägt ist. Die Gründer, die beide als Geschäftsführer im Unternehmen tätig sind und zuvor unter anderem bei Check24 beschäftigt waren, identifizierten dabei Probleme wie fehlende Transparenz, ineffiziente Prozesse und mangelnden Zugriff auf Finanzdaten. Ziel der Gründung war die Entwicklung einer Plattform, die Kunden und Berater zusammenführt. Das Geschäftsmodell bewegt sich an der Schnittstelle von FinTech und InsurTech. Während viele Lösungen entweder auf Endkunden oder auf den Vertrieb fokussiert sind, versucht Vinlivt, das zwölf Mitarbeiter beschäftigt, beide Perspektiven in einer Plattform zusammenzuführen. Das Unternehmen finanziert sich nach eigenen Angaben über Lizenz- und Abo-Gebühren für seine Software und erhebt keine Provisionen aus vermittelten Finanzprodukten.
Vinlivt adressiert somit ein zentrales Spannungsfeld der Branche: den Übergang von gewachsenen, oft analogen Strukturen hin zu digitalen, integrierten Systemen. Ob sich der Plattformansatz langfristig durchsetzt, wird davon abhängen, wie gut es gelingt, technologische Möglichkeiten, Nutzerfreundlichkeit und regulatorische Anforderungen miteinander zu verbinden. EXXECNEWS sprach mit Uwe Lätsch über die Plattform. (MB)
EXXECNEWS: Viele Anbieter setzen auf Digitalisierung im Finanzsektor. Was macht Vinlivt aus Ihrer Sicht innovativ?
Uwe Lätsch: Vinlivt denkt Finanzberatung ganzheitlich und integriert sich sinnvoll neben das bestehende Systemumfeld der Berater. Im Fokus stehen Effizienz, Qualität und die konsequente Automatisierung von Vertriebsprozessen. Gerade vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel müssen Backoffice, Beratung und Vertrieb optimal verzahnt sein. Wir gehen bewusst über Versicherungen hinaus, weil Kunden ihre Finanzen nicht fragmentiert verwalten wollen. Für viele Menschen bedeutet es Stress, mehrere Apps oder Portale nutzen zu müssen. Sie möchten ihre gesamten Finanzthemen in einer zentralen Anwendung regeln. Durch unsere Open Banking Technologie integrieren wir Banking Informationen direkt in die Plattform. Dadurch können nicht nur Versicherungen, sondern auch Wertevermögen strukturiert gemanagt und abgesichert werden. Der Vermittler wird faktisch zum ganzheitlichen Finanzbegleiter seiner Kunden. Gleichzeitig automatisieren wir zentrale Vertriebsprozesse von der Datenerfassung über die Analyse bis zur Angebotsvorbereitung und digitalen Unterschrift. Beide Seiten profitieren davon. Kunden erhalten maximale Transparenz und jederzeitigen Überblick, Berater gewinnen Zeit, Präzision und Effizienz. Innovation bedeutet für uns daher nicht nur Digitalisierung einzelner Schritte, sondern ein vollständig integriertes System, das Daten, Kommunikation, Vertrieb und Beratung intelligent miteinander verbindet.
EXXECNEWS: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz auf Ihrer Plattform und wo sehen Sie dabei Chancen, aber auch Risiken?
Lätsch: Künstliche Intelligenz spielt im Berateralltag eine immer wichtigere Rolle. Bei Vinlivt ist sie deshalb kein Zukunftsthema, sondern bereits ein zentraler Bestandteil der Plattform. Sie hilft dabei, dem Personalmangel zu begegnen und Prozesse deutlich effizienter zu gestalten. Wir setzen KI für Finanzanalysen ein, um komplexe Daten aus Versicherungen und Banking verständlich aufzubereiten und konkrete Handlungspotenziale aufzuzeigen. In Kürze starten wir zudem unsere KI gestützte Vertrags- und Bestandsanalyse. Damit eröffnen sich völlig neue Beratungsansätze, etwa durch das automatische Erkennen von Versorgungslücken oder Optimierungspotenzialen. Ein besonders praxisnaher Anwendungsfall ist unsere KI basierte Dokumentenanalyse. Sie ermöglicht es Beratern, umfangreiche und komplexe Vertragsdokumente innerhalb von Sekunden zu analysieren und alle relevanten Daten strukturiert zu extrahieren. Tarifdetails oder Vertragsparameter müssen nicht mehr mühsam manuell herausgelesen werden, sondern stehen sofort für Angebotsvergleiche oder neue Lösungen zur Verfügung. Die große Chance liegt darin, Beratung datenbasierter, proaktiver und skalierbarer zu machen. Risiken sehen wir vor allem bei Intransparenz und Datenschutz. Deshalb setzen wir auf erklärbare KI, klare Verantwortlichkeiten und höchste DSGVO Standards.
EXXECNEWS: Wo sehen Sie Vinlivt in fünf Jahren: Eher als Technologieanbieter, Plattformökosystem oder Beratungsnetzwerk?
Lätsch: Vinlivt wird sich als zentrales Plattformökosystem zwischen Kunden und Beratern in der Versicherungs- und Finanzbranche etablieren. Wir sind kein klassisches Beratungsnetzwerk, sondern die technologische Infrastruktur, die beide Seiten intelligent miteinander verbindet und Beraterbetriebe dabei unterstützt, mit weniger Personal mehr Kunden hochwertig zu betreuen. Im Kern geht es uns um eine barrierefreie Vernetzung von Finanz, Versicherungs-, Banking und Investmentdaten. Nur wenn diese Informationen systemübergreifend strukturiert und jederzeit verfügbar sind, können Berater ihre Prozesse konsequent auf ihre Beratung ausrichten.
Mithilfe von Künstlicher Intelligenz automatisieren und verbessern wir diese Prozesse kontinuierlich vom Backoffice bis zur Beratung. So entsteht auf Kundenseite ein modernes, jederzeit zugängliches Beratungserlebnis und auf Beraterseite eine skalierbare, datengetriebene Struktur, in der Effizienz, Qualität und Wachstum optimal zusammenwirken.
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 08-2026 erschienen.