Mitte Juni 2026 hat die US-Regierung angeordnet, ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu den neuesten und leistungsfähigsten Claude-Modellen von Anthropic zu verwehren. Das wird mit Anliegen der nationalen Sicherheit begründet. Das Unternehmen hat argumentiert, diese Vorgabe nicht sofort umsetzen zu können, und beschränkte vorerst den Zugang für alle Nutzer. Der Vorgang verdeutlicht jedoch, dass die derzeitige technologische Abhängigkeit Europas von den USA ein existenzielles Risiko darstellt. Das merkt Clemens Fuest an, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der LMU München Präsident des ifo Instituts.
Fortgeschrittene KI-Systeme seien nicht nur kommerzielle Produkte, sondern eine strategische Ressource. Europa zähle zwar zu den größten Anwendern von KI-Systemen, kontrolliere jedoch nur einen kleinen Teil der Infrastruktur, auf der die leistungsfähigsten Modelle entwickelt und betrieben werden. Rund 75 Prozent der weltweiten Hochleistungs-Rechenkapazität für moderne KI befinden sich in den Vereinigten Staaten. China verfügt über etwa 15 Prozent, die Europäische Union hingegen über weniger als fünf Prozent. Diese Zahlen machten deutlich, wie weit Europa im globalen Wettbewerb zurückgefallen sei.
Wenn Europa von der Nutzung der neuesten KI-Modelle ausgeschlossen wird, seien die Folgen dramatisch. Universitäten, Forschungseinrichtungen, Industrieunternehmen, Start-ups und staatliche Einrichtungen bis hin zu den Streitkräften bauen ihre Arbeitsabläufe zunehmend auf amerikanischen KI-Plattformen auf. Außerdem würde Europa leichtes Opfer für Cyberangriffe.
Für Europa sollte dieser Eingriff der US-Regierung ein Weckruf sein. Der Kontinent müsse den Bau von Rechenzentren, Chipfabriken und Energieinfrastruktur massiv beschleunigen und finanziell deutlich stärker und entschlossener fördern als bisher.
Zudem müsse die Energieversorgung zur strategischen Priorität werden. Moderne KI-Rechenzentren benötigen große Mengen an verlässlicher Energie. Deutschland und andere Länder in Europa sollten es deshalb ermöglichen, stillgelegte Kraftwerke einschließlich der Kernkraftwerke zu reaktivieren. Die Europäische Union brauche eine überzeugende Strategie für Hochleistungsrechner, KI-Chips und europäische Grundlagenmodelle, um im weltweiten Rennen um KI-Entwicklung zumindest nicht völlig abgehängt zu werden. Prioritär sei dabei ein Abbau einengender Regulierungen wie des EU AI Act, die die KI-Entwicklung behindern. (DFPA/mb)
Das Ifo Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.) ist eine Forschungseinrichtung mit Sitz in München.