Die Zinsmärkten sind von einer deutlichen Entkopplung dies- und jenseits des Atlantiks geprägt, meint Nicolas Jullien , Global Head of Fixed Income bei Candriam, in seiner aktuellen Finanzmarktanalyse: Während die Euro-Zinsen weitgehend seitwärts tendierten, gaben die Renditen von US-Treasuries merklich nach. Die Angriffe der Trump-Regierung auf die Notenbank mit der Forderung nach niedrigeren Leitzinsen dürften diesen Effekt noch verstärkt haben.
Angesichts der Ruhe an den EU-Zinsmärkten kann man sagen, dass es der Europäischen Zentralbank (EZB) gelungen ist, eine „weiche Landung“ sicherzustellen, sagt Jullien. Trotz regionaler Unterschiede ist das BIP-Wachstum insgesamt weiterhin positiv. Der Arbeitsmarkt hat nicht gelitten und die Inflation liegt wieder im Zielbereich. Dieses geldpolitische Ergebnis wurde allerdings von politischen Unsicherheiten in mehreren Ländern, den andauernden Krieg in der Ukraine und den Handelskonflikt mit den USA in gewisser Weise überschattet. An den Märkten stellt sich nun die Frage, ob der Zinssenkungszyklus bei einem Leitzins von zwei Prozent bereits beendet ist. Dieses Niveau verschafft der EZB zwar noch etwas Spielraum für weitere Senkungen, sollte sich die Konjunktur infolge des Zollschocks stärker abschwächen als erwartet.
Gleichzeitig sei nun einen Punkt erreicht, an dem einige Ökonomen die ersten Zinserhöhungen bereits für das Ende des kommenden Jahres erwarten. Spread-Anlageklassen – ob Investment-Grade oder High-Yield, Unternehmens- oder Staatsanleihen aus Schwellenländern, in US-Dollar oder Euro denominiert – erzählen derzeit im Wesentlichen dieselbe Geschichte: Die Risikoprämien sind im August durchgehend gefallen, bevor es im September zu einem leichten Anstieg kam.
Während sich die Kreditkennzahlen im Investment-Grade-Segment nach wie vor verbessern, gilt im High-Yield-Bereich das Gegenteil. Mit anderen Worten: Beide Segmente entfernen sich zunehmend voneinander. Niedrigere Zinsen und die anhaltend starke Nachfrage nach Unternehmensanleihen haben einige Emittenten vermutlich dazu verleitet, aktionärsfreundlichere Maßnahmen zulasten der Anleiheinvestoren zu verfolgen, beispielsweise durch höhere Dividenden, Aktienrückkäufe und eine verstärkte M[&]A-Aktivität.
Vereinigte Staaten: Der Arbeitsmarkt bestimmt die kurz- und mittelfristige Entwicklung der US-Treasuries
Die Wahrscheinlichkeit einer deutlichen Abkühlung der US-Wirtschaft steige spürbar an. Der Arbeitsmarkt verschlechtere sich rasch, was sich in erheblichen Abwärtskorrekturen der Payroll-Daten zeigt. Der Abschwung konzentriert sich derzeit eher auf Neueinstellungen als auf Entlassungen. Erfahrungsgemäß folgen Entlassungen jedoch zeitnah, sobald die Einstellungsdynamik zum Erliegen kommt. Sollte das Beschäftigungswachstum weiter stagnieren, könnte auch die Binnennachfrage zusätzlich unter Druck geraten.
Vereinigtes Königreich: Divergenz und Konsumschwäche
Das Gesamtbild ist gemischt. Die Bank of England hat im August die Zinsen erneut gesenkt – allerdings nur mit knapper Mehrheit. Die britischen Verbraucher sind weiterhin deutlich schwächer als die anderer Regionen, was sowohl strukturelle als auch konjunkturelle Gegenwinde widerspiegelt. Im Vergleich zu den USA sind die Markterwartungen für weitere Zinssenkungen begrenzt, wodurch das Vereinigte Königreich zu einem Ausreißer wird. Diese Divergenz resultiert unter anderem daraus, dass die Zinssenkungserwartungen in den USA deutlich zugenommen haben, sich dies an den britischen Märkten jedoch nicht in gleichem Maße niederschlägt. In einigen Portfolios halten wir Positionen mit langer Laufzeit, in anderen bleiben wir bei der Short-Position auf das britische Pfund.
Eurozone: Niedriges Wachstum, politische Risiken und EZB-Politik
Das zentrale Szenario für die Eurozone bleibt ein niedriges Wachstum, wobei eine vollständige Rezession zwar vermieden wird, die Wahrscheinlichkeit dafür jedoch nicht zu vernachlässigen ist. Die Binnennachfrage verlangsamt sich und obwohl die aktuellen PMI-Daten eine leichte Verbesserung zeigen, bleibt das Gesamtszenario verhalten. Zölle dürften sich negativ auswirken, wenngleich deutsche Investitionspläne einen gewissen Ausgleich bieten könnten. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Abschwächung der Inflation bleibt hoch und die EZB wird voraussichtlich nicht vor ihrer nächsten Prognose im Dezember handeln, sofern sich der wirtschaftliche Ausblick nicht wesentlich ändert.
Schwellenländer und Devisenstrategie
Schwellenmarktanlagen haben seit Jahresbeginn eine starke Performance gezeigt. Insbesondere lokale Währungsanleihen profitierten dabei von der Schwäche des US-Dollars und den unterstützenden globalen Finanzbedingungen. Die Zinssenkungstendenz der Federal Reserve und der Rückgang der US-Treasury-Renditen haben ein Umfeld geschaffen, das den Schwellenmärkten dabei hilft, potenzielle Spreadausweitungen abzufedern. Obwohl sich die Spreads zu US-Staatsanleihen in den letzten Monaten leicht ausgeweitet haben, konnten wir bei Anleihen in lokaler Währung starke absolute Renditen beobachten. Unsere konstruktive Haltung wird durch die Schwäche des Dollars, hohe Realrenditen in vielen Schwellenländern und die Tatsache gestützt, dass die meisten Zentralbanken in Schwellenländern – mit Ausnahme von China und Osteuropa – noch genügend Spielraum für Zinssenkungen haben. Auch die technischen Faktoren sind günstig: Es gibt robuste Zuflüsse von Investoren, die sowohl Rendite als auch Währungsexposure suchen. Das größte Risiko für diese Anlageklasse bleibt die Währungsvolatilität, insbesondere in Märkten mit schwächeren außenwirtschaftlichen Bilanzen oder erhöhter politischer Unsicherheit. (DFPA/ljh)
Candriam ist eine Tochtergesellschaft von New York Life Investments, einer weltweit tätigen Investmentgesellschaft mit über 650 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen, die aus den Asset-Management-Aktivitäten im Verbund mit unserer Muttergesellschaft, der New York Life Insurance Company, besteht.
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