Die Rede des künftigen US-Notenbankchefs Kevin Warsh beim Zentralbankertreffen in Jackson Hole dürfte für die Finanzmärkte richtungsweisend werden. Im Mittelpunkt steht nach Einschätzung von Merck-Finck-Chefstratege Robert Greil nicht allein der weitere Zinspfad der Federal Reserve, sondern auch die Frage nach ihrer Unabhängigkeit und Berechenbarkeit angesichts hartnäckiger Inflation, hoher Staatsverschuldung und unruhiger Anleihemärkte.
Warsh hat die Geldpolitik bislang mit weniger konkreten Hinweisen auf die künftige Entwicklung als seine Vorgänger kommuniziert. Angesichts stark gestiegener langfristiger US-Renditen könnte diese Zurückhaltung nach Einschätzung Greils zum Problem werden. Zugleich müsse Warsh das Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik erklären. Das US-Finanzministerium versucht derzeit, über Anleihekäufe am langen Ende der Laufzeiten den Druck auf die Renditen zu verringern. Ein solcher Eingriff erinnert an die frühere „Operation Twist“ der Fed.
Konkrete Hinweise zum weiteren Leitzinspfad erwartet Greil von Warsh dagegen nicht. Die Märkte rechnen über die Fed-Funds-Futures mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung bis Oktober. Greil hält einen Zinsschritt vor den US-Zwischenwahlen jedoch für unwahrscheinlich. Ein solcher Schritt würde die hoch verschuldete US-Regierung und die Trump-Administration zusätzlich belasten. Sollte sich der Preisdruck bei Energie bis Jahresende nicht abschwächen, sei dagegen eine Zinserhöhung im Dezember möglich.
Für die Aktienmärkte dürfte die Entwicklung am Anleihemarkt entscheidend werden. Dort treffen nach Einschätzung Greils mehrere Risiken aufeinander: steigende Staatsverschuldung, hohe Anleiheemissionen von Technologiekonzernen, höhere Ölpreise und damit verbundene Inflationsgefahren sowie der künftige Kurs der Fed. Jackson Hole sei deshalb in diesem Jahr weniger ein klassisches Notenbankertreffen als ein Glaubwürdigkeitstest für die Fed und ein Stresstest für die Bondmärkte. (DFPA/abg)
Merck Finck Privatbankiers ist eine 1870 in München gegründete deutsche Privatbank, die sich auf Private Banking, Vermögensverwaltung und die Betreuung vermögender Privatkunden, Familien und institutioneller Anleger konzentriert. Seit 2020 gehört das Institut zur europäischen Privatbankengruppe Quintet Private Bank mit Sitz in Luxemburg.