Eine deutliche Mehrheit der europäischen Kleinanleger möchte mit ihren Geldanlagen zur Nachhaltigkeit beitragen – doch ihr Wille spiegelt sich kaum im Marktangebot wider. Das geht aus einer mehrjährigen Untersuchung des Sustainable Finance Observatory hervor, das zwischen 2017 und 2024 das Verhalten von Anlegern sowie Beratungspraxis und Produktangebot in 14 EU-Mitgliedstaaten analysiert hat.
Demnach verfolgen rund 74 Prozent der befragten Privatanleger in der EU Nachhaltigkeitsziele – etwa durch Wertvorstellungen oder den Wunsch nach konkretem Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft. Trotzdem halten in zentralen Märkten wie Deutschland oder Frankreich nur etwa 19 Prozent nachhaltige Finanzprodukte. Hauptursachen seien ein Mangel an Fachwissen, hohe Informationskosten und mangelndes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Produkte.
Besonders kritisch bewertet die Studie den Beratungsprozess. In 57 Prozent der untersuchten Gespräche wurden Nachhaltigkeitspräferenzen nicht automatisch abgefragt. In Deutschland wurden bei mehr als der Hälfte der Beratungsgespräche die Kundenwünsche nachträglich verändert, in Frankreich waren häufig unbewiesene Wirkungsversprechen Teil der Beratung. Obwohl die Kenntnisse der Finanzberater insgesamt zugenommen hätten, blieben sie beim Thema Anlegerwirkung schwach.
Der Markt für impact-orientierte Finanzprodukte – also Produkte mit nachweisbarem Einfluss auf Umwelt oder Gesellschaft – sei zudem stark unterentwickelt. Zwar äußern 51 Prozent der EU-Kleinanleger den Wunsch, mit ihrem Geld reale Wirkung zu erzielen, doch machen solche Produkte nur rund ein Prozent des Angebots in Ländern wie Deutschland oder Österreich aus. Viele Anleger hielten fälschlich CO₂-arme Fonds für emissionsmindernd, was sie anfällig für Fehlinformationen und Greenwashing mache.
Die Untersuchung sieht regulatorische Lücken als zentralen Grund für die Diskrepanz. Wichtige EU-Vorschriften wie MiFID II oder die Offenlegungsverordnung SFDR definierten Nachhaltigkeitsziele bislang nicht präzise genug und klammerten wirkungsorientierte Anlagen faktisch aus. Die Folge seien uneinheitliche Beratung, mangelhafte Aufsicht und strukturelle Fehlallokation von Kapital.
Das Sustainable Finance Observatory empfiehlt unter anderem eine Anpassung der Definitionen und Kategorien für nachhaltige Finanzprodukte an den tatsächlichen Anlegerzielen, eine Verbesserung der Beratungskompetenz sowie breit angelegte Bildungsinitiativen für Kleinanleger. Ziel müsse es sein, den Milliardenmarkt für nachhaltige Geldanlagen stärker zu erschließen – auch um die EU-Klimaziele für 2030 zu erreichen. (DFPA/abg)
Den vollständigen Bericht erhalten Sie hier.
Das Sustainable Finance Observatory ist aus dem Zusammenschluss der 2° Investing Initiative und dem ursprünglichen Observatory hervorgegangen und verfolgt das Ziel, den globalen Finanzmarkt systemisch auf Nachhaltigkeit auszurichten. Die Organisation bündelt ihre Arbeit in den Bereichen Transparenz, Forschung sowie politische Interessenvertretung und entwickelt praxisnahe Lösungen für Finanzinstitutionen und politische Entscheidungsträger. Mit internationaler Reichweite und starker wissenschaftlicher Verankerung will sie Finanzströme gezielt auf Klima- und gesellschaftliche Ziele lenken.