Wie sich Künstliche Intelligenz (KI) auf die Inflationsentwicklung der nächsten Jahre auswirkt, wird kontrovers diskutiert. Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, unterscheidet klar zwischen kurzfristigen und langfristigen Entwicklungen.
Kurzfristig erwartet Temple, dass der Boom bei den Investitionen in KI-Infrastruktur vor allem in den USA inflationstreibend wirkt; hauptsächlich aufgrund des enormen Ausmaßes der Ausgaben und der damit verbundenen zusätzlichen Nachfrage in Bereichen wie Energie. Rechenzentren sind ein zentraler Bestandteil dieses Investitionsbooms. In Europa ist der inflationäre Effekt deutlich geringer, da der Großteil der KI-bezogenen Investitionen in den USA und Asien erfolgt.
Über den unmittelbaren Ausbau hinaus rechnet er jedoch damit, dass KI mit der Zeit zu einer deflationären Kraft wird. Je stärker Unternehmen KI in ihre Arbeitsabläufe integrieren und ihre Prozesse effizienter gestalten, desto weniger Arbeitskräfte werden benötigt, um dieselbe Menge an Gütern oder Dienstleistungen zu produzieren. Zunächst könnten diese Kosteneinsparungen die Gewinnmargen der Unternehmen erhöhen. Sobald jedoch immer mehr Wettbewerber KI einsetzen und ihre Kosten senken, dürfte der Wettbewerb über den Preis zunehmen und dadurch ein Abwärtsdruck auf die Preise entstehen.
In welchem Ausmaß KI tatsächlich disinflationär wirken wird, würde von vielen Faktoren abhängen. Dazu gehörten etwa die Verfügbarkeit der notwendigen Ressourcen für den Ausbau von KI-Kapazitäten, die Energieerzeugungs-, Übertragungs- und Speicherinfrastruktur sowie die Geschwindigkeit der Einführung von KI. Deshalb sind Zeitpunkt und Stärke der disinflationären Effekte nur schwer vorherzusagen.
Langfristig ist Temple jedoch überzeugt, dass KI erheblichen kumulativen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben wird, das gilt ganz besonders für den Dienstleistungssektor. In vielerlei Hinsicht sehe er die Auswirkungen von KI auf Dienstleistungen ähnlich wie die Auswirkungen der Automatisierung auf die Industrie.
In den USA lag die Kerninflation bei Waren (also bei physischen Gütern ohne Lebensmittel und Energie) über den Zeitraum von 1999 bis 2019 bei null Prozent. Nach Temples Meinung geht das vor allem auf die Kombination aus Automatisierung und Globalisierung zurück. Man könne darüber diskutieren, welcher dieser beiden Faktoren den größeren Beitrag geleistet hat. Fest stehe jedoch, dass die Automatisierung der Fertigung die Preise gesenkt und gleichzeitig die Qualität verbessert hat. Temple erwartet, dass der Einsatz von KI einen vergleichbaren Effekt auf den Dienstleistungssektor haben wird. Die entscheidenden Fragen sind dabei der Zeitpunkt und das Ausmaß dieser Entwicklung. (DFPA/ljh)
Lazard, Inc. ist eines der weltweit führenden Finanzberatungs- und Vermögensverwaltungsunternehmen. Lazard Asset Management (LAM) bietet eine breite Palette von Aktien-, Anleihen- und alternativen Investmentprodukten und verwaltet zusammen mit verbundenen Vermögensverwaltungsgesellschaften der Lazard-Gruppe ein Kundenvermögen in der Höhe von 285 Milliarden US-Dollar (Stand: 31. Mai 2026).