Bürokratieabbau bedroht boomende Prüf- und Zertifizierungsbranche
Eine neue Föderale Modernisierungsagenda von Bund und Ländern zielt auf einen massiven Abbau von Berichtspflichten, Normen und Doppelprüfungen – mit erheblichen Folgen für private Prüf-, Zertifizierungs- und Normungsdienstleister. Darauf weist der Unternehmensberater Dr. Thomas Herr in seiner neuesten Kolumne für das Informationsportal Konii zum Jahresauftakt hin.
So zeige sich auch in der jüngsten Debatte um die Abschaffung der Weiterbildungspflicht für Immobilienmakler, wie sensibel das betroffene Ökosystem reagiert.
Während das reale Bauvolumen in Deutschland seit 2020 deutlich gesunken ist, haben Prüf- und Zertifizierungsunternehmen wie TÜV, DEKRA, SGS oder Bureau Veritas ihre Umsätze im gleichen Zeitraum nominal um 25 bis 35 Prozent gesteigert, getrieben durch wachsende Dokumentations- und Nachweispflichten. Nach Daten des Statistischen Bundesamts ging die preisbereinigte Bauleistung um bis zu 15 Prozent zurück, im Wohnungsbau sogar um mehr als 20 Prozent, während Erlöse aus ESG- und Gebäudezertifizierungen sich seit 2020 teilweise verdoppelt haben.
Die am 4. Dezember 2025 beschlossene Modernisierungsagenda sieht nun vor, mindestens ein Drittel der Berichtspflichten und die Hälfte der Dokumentationspflichten zu streichen sowie Genehmigungen, Normverweise und Doppelprüfungen drastisch zu reduzieren. Damit geraten laut Herr Geschäftsmodelle unter Druck, deren Nachfrage maßgeblich aus regulatorisch erzwungenen Prüf-, Zertifizierungs- und Fortbildungspflichten gespeist wird.
„Der politische Kern ist klar und zu begrüßen“, so Herr: „Der Staat erklärt das bisherige Modell aus immer mehr Normen, Prüfungen und Nachweisen für nicht mehr tragfähig.“ Wörtlich heißt es im MPK-Beschluss: „Es bedarf eines grundlegenden Paradigmenwechsels, der auf einer Kultur des Vertrauens, der Effizienz und der Eigenverantwortung basiert.“ Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt für Herr jedoch nicht im Abbau von Bürokratie, sondern im Abschied von der „German Angst“, dem „tief verankerten Reflex zur maximalen Absicherung – gegen Risiken, Haftung, Fehler und Abweichungen“, als Geschäftsmodell. „Wer Qualität verteidigen will, muss Verantwortung übernehmen – und nicht versuchen, sie wegzuzertifizieren“, schließt Herr seine Kolumne.
Die vollständige Kolumne finden Sie hier.