Defaults in Europa dürften 2026 leicht sinken
Die Ausfallraten (Defaults) am europäischen Kreditmarkt dürften 2026 nach Analysteneinschätzung leicht zurückgehen. Zugleich verschärft sich der Ton bei finanziellen Restrukturierungen. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht „2026 European Distressed Outlook: Defaults to decline, but workouts get tenser“ von Jean-Marc Poilpré für das US-amerikanisches Finanzdaten- und Analyseunternehmen PitchBook.
Demnach waren 2025 zahlreiche Ausfälle bereits seit Monaten eingepreist, doch starke Kursrückgänge zuvor hoch bewerteter Anleihen und Kredite verunsicherten Investoren. Besonders bei hochverschuldeten Unternehmen mit einem Rating im Triple-C-Bereich sehen Experten für die kommenden Jahre erhöhten Handlungsdruck. Gleichzeitig habe Europa die USA bei aggressiven Liability-Management-Transaktionen (LMEs) überholt, zitiert Poilpré unter anderem Einschätzungen von RBC BlueBay Asset Management und Restrukturierungskanzleien.
Mehrere prominente Fälle wie Selecta, Hunkemöller, Victoria PLC und Ardagh Group stehen exemplarisch für eine Zunahme sogenannter „creditor-on-creditor violence“, bei der sich Gläubigergruppen gegenseitig ausstechen und Streitigkeiten vor Gericht austragen. Im Mittelpunkt stehen häufig nicht-pro-rata-LMEs, Uptier-Transaktionen sowie umstrittene Kooperationsvereinbarungen, denen Kritiker eine „Weaponisierung“ und Benachteiligung außenstehender Gläubiger vorwerfen.
Parallel dazu haben sich Gerichte in Großbritannien und den USA in mehreren Grundsatzverfahren kritisch zu aggressiven Restrukturierungsstrukturen geäußert und die Bedeutung einer fairen Verteilung der Sanierungsgewinne betont. Die Unsicherheit über die rechtlichen Grenzen solcher Transaktionen führt laut Marktteilnehmern dazu, dass verstärkt Alternativen wie Prepacks, Distressed-Verkäufe oder klassische Schemes of Arrangement geprüft werden – mit potenziell härteren Ergebnissen für Unternehmen und Stakeholder.
Für 2026 erwarten Ratingagenturen und Banken zwar insgesamt etwas niedrigere Ausfallraten, verweisen aber zugleich auf den Anstieg besonders risikoreicher „risky credits“ und auf größere Fälligkeiten bei niedrig bewerteten Emittenten bis 2027. Entscheidend für die tatsächliche Entwicklung werde sein, ob Bankkredite und der weiter wachsende Private-Credit-Markt genügend Refinanzierungsalternativen für schwächere Schuldner bieten. Restrukturierungsexperten sehen 2026 vor diesem Hintergrund als weiteren Schritt in einem längeren Bereinigungsprozess, in dem viele Unternehmen zumindest Laufzeiten verlängern oder umfassend restrukturieren müssen. (DFPA/abg)
PitchBook ist ein US-amerikanisches Finanzdaten- und Analyseunternehmen, das sich auf Private Equity, Venture Capital, Mergers & Acquisitions (M&A) und andere Bereiche der privaten Kapitalmärkte spezialisiert hat. Das Unternehmen wurde 2007 gegründet und gehört seit 2016 zur Morningstar Inc., einem großen Anbieter von Finanzinformationen und Investmentanalysen.