Fintech-Branche: Rekord bei Nutzung und Übernahmen

In kaum einem anderen Segment innerhalb der Finanzbranche war in den vergangenen Jahren mehr Bewegung zu spüren als im Bereich Fintech - und das sowohl beim Einsammeln von Wagniskapital (Venture Capital/VC) als auch bei den Übernahmen. Gründer und Investoren wollen weiterhin auf den Zug aufspringen, der angesichts der gestiegenen Nutzung hierzulande immer mehr Fahrt aufnimmt. So ist der Anteil der Verbraucher, die Angebote von Fintechs verwenden, in Deutschland von 2017 bis Mitte 2019 von 35 auf 64 Prozent gestiegen. Vor allem Überweisungen und Onlinezahlungen wickeln Verbraucher inzwischen gern über die neuen Angebote ab, so analysierte die Beratungsgesellschaft EY im „Fintech Adoption Survey“. Etwa drei von vier Verbrauchern weltweit (75 Prozent) als auch in Deutschland (72 Prozent) nutzen entsprechende Dienste.

Knapp 800 Unternehmen im Bereich Finanztechnologie (verkürzt zu dem Begriff Fintech) sind in Deutschland laut Studie der Direktbank Comdirect aktiv. Mit Investitionen von rund drei Milliarden Euro seit 2012 ist die Branche Motor des VC-Marktes. Ein großer Player ist etwa Raisin – in Deutschland bekannt unter dem Namen Weltsparen. Nach der Finanzierungsrunde über 100 Millionen Euro und der Übernahme der MHB-Bank im Frühjahr investierte jüngst die Investmentbank Goldman Sachs 25 Millionen in das Berliner Fintech. Das Unternehmen, das als Marktplatz für Einlagen- und Investmentprodukte tätig ist, erhöhte damit sein Finanzierungsvolumen auf insgesamt 195 Millionen Euro. Damit ist es eines der in Europa bestfinanzierten Tech-Start-up rund ums Sparen und Investieren. Hohe Summen Risikokapital sammelten auch der digitale Vermögensverwalter Liquid (33 Millionen), der Online-Vermögensverwalter Scalable Capital (41 Millionen Euro) sowie Deposit Solutions, das im Jahr 2018 noch einmal 100 Millionen Dollar erhielt. Aufgeschlüsselt nach Kategorien sind die meisten Start-ups Proptechs, also Unternehmen rund um das Thema Immobilien, danach folgen Fintechs im Bereich alternative Finanzierung (beispielsweise Crowdinvesting- oder Vergleichsplattformen) sowie auf dem dritten Platz Insurtechs, also Fintech-Startups, die überwiegend Versicherungsprodukte anbieten, optimieren oder vertreiben.

Viele neue Angebote also für die Verbraucher. Noch stehen allerdings insgesamt gesehen die traditionellen Banken- und Versicherungsunternehmen etwas höher in der Gunst der Verbraucher. Denn mehr als die Hälfte der Befragten würde sich zunächst an sie wenden, wenn sie ein neues Finanzprodukt erwerben wollen. Christopher Schmitz, Partner bei EY und Leiter Fintech für den Bereich Europa, Mittlerer Osten, Indien und Afrika, kommentiert die Studie: „Wir Verbraucher mögen das, was wir sehen und anfassen können. Hören wir nur von neuen Produkten, sind wir zunächst skeptisch. Aber inzwischen gibt es zahlreiche Fintech-Angebote ‚zum Anfassen‘ auf dem Markt, die Nutzer haben deren Vorteile entdeckt und ihre anfänglichen Berührungsängste hinter sich gelassen. Fintechs haben sich in Deutschland und auch weltweit längst durchgesetzt und sind zu ernstzunehmenden Konkurrenten von Banken geworden.“ Wenig verwunderlich also, dass die deutsche Fintech-Branche in diesem Jahr einen Übernahmerekord verzeichnete. Durch die Akquisition sichert sich der Käufer nicht nur einen zeitlich unbefristeten Zugang zu Technologie, sondern auch zu etwaigen Kunden des jeweiligen Fintechs. So wurden im ersten Halbjahr 2019 laut einer Analyse der Wirtschaftsprüfung PwC insgesamt 16 Finanz-Start-ups übernommen.  Und noch ein weiteres Ergebnis der Studie: Im Schnitt waren die Fintechs zum Zeitpunkt der Übernahme knapp fünfeinhalb Jahre alt. „Bei der Entwicklung eines Fintech-Startups ist das vierte Jahr häufig entscheidend für den zukünftigen Erfolg“, sagt Fintech-Experte Sascha Demgensky von PwC. „In diesem Jahr finden nach unseren Analysen sowohl die meisten Geschäftsaufgaben, aber eben auch die meisten Übernahmen statt.“ Vertrauen aufzubauen braucht eben Zeit. Diese Meinung vertritt auch Clas Beese auf Anfrage von EXXECNEWS. Er ist einer der Gründer des „finletter“, einem Newsletter rund um die Fintech-Branche: „Vertrauen aufzubauen dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Ich denke, dass ist das einzige was Fintechs machen können. Vertrauensvoll mit dem Geld anderer Menschen umgehen und angemessen darüber sprechen. Wo aber weder Fintechs noch Banken etwa machen können: Vertrauen entsteht eben auch durch Nutzung. Ein Beispiel: Als Kind wurde ich von meinen Eltern in die Bank-Filiale mitgenommen. Natürlich habe ich dort mein allererstes Konto eröffnet. Die nächste Generation wächst digital auf und wird vermutlich in digitale Marken das größere Vertrauen haben.“ Die größte Chance der Branche sieht er darin, dass sich durch die Digitalisierung nicht nur die Produkte verbessern, sondern der Verwaltungsaufwand für die ganze Branche sinkt. „Diese Effizienzsteigerungen sollten am Ende den Kunden zu Gute kommen“, sagt der Fintech-Experte. „Als größte Gefahr sehe ich monopolistische oder oligopolistische Marktstrukturen, die durch Netzwerkeffekte entstehen. Wenn die Effizienzsteigerungen dann durch Oligopole wieder aufgehoben werden, ist auch nichts gewonnen. Erschwerend kommt hinzu, dass die nächste Generation von Finanz-Giganten gar nicht aus Deutschland kommt, so dass die Wertschöpfung aus der Volkswirtschaft abfließt und eine staatliche Marktregulierung erschwert wird“, sagt Beese.

Problematisch ist die Marktregulierung bereits heutzutage. Einerseits soll Klarheit geschaffen werden, beispielsweise mit dem im März 2018 veröffentlichten „Fintech-Aktionsplan“ der EU-Kommission. Erstellt werden soll ein EU-weites regulatorisches Rahmenwerk, mit dem die  Entwicklung und der Vertrieb innovativer Produkte einheitlich gefördert wird. Die Kommission schränkt jedoch ein, dass es für groß angelegte gesetzliche und regulatorische Vorhaben in diesem Bereich noch zu früh sei. Andererseits ist es bei einigen Fintechs nicht immer direkt ersichtlich, von welcher Stelle sie reguliert werden. Je nach Ausgestaltung des Geschäftsmodelles ist für Fintechs entweder der Regelungsbereich der Gewerbeordnung (GewO) von Bedeutung, das heißt, dass sie von den jeweils zuständigen Länderbehörden beaufsichtigt werden. Einige fallen allerdings auch unter die Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), darunter etwa das Banking-Start-up N26. Die Finanzaufsicht hatte bei dem Berliner Fintech, das im Jahr 2016 eine Vollbanklizenz von der BaFin erhalten hatte, Mängel bei Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung entdeckt. Mit einer Bewertung von über drei Milliarden Euro ist das Unternehmen zum Finanztechnologie-Unicorn aufgestiegen – also zu einem Start-up mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar.

Fazit: Die Zeit wird zeigen, ob sich der Aufwärtstrend der Fintech-Branche weiterhin so rasant fortsetzt und ob Sicherheit und Kundenvertrauen mit immer weiteren Finanzierungsrunden mithalten können. Positiv für einige Fintechs könnte sich die Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 (Payment Services Directive 2) auswirken, deren zweite Stufe am 14. September 2019 in Kraft tritt. Diese sieht vor, dass Privatkundenbanken und Anbieter von Zahlungsdiensten Drittanbietern erlauben müssen, auf Konto- und Zahlungsdaten sicher und in Echtzeit zuzugreifen, sofern sie dafür die Erlaubnis des Eigentümers haben. Eine Bank müsste beispielsweise zuvor autorisierte Benutzerkonten mit einer Banking-App eines Fintechs teilen - eine Chance für die in diesem Bereich tätigen Fintechs und viel Raum für weitere Kooperationen und Übernahmen.

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