Crowdfunding auf dem Weg zum Milliardenmarkt?

Gritt Gräwe
Gritt Gräwe

Gastbeitrag von Gritt Gräwe, Hanselaw

Crowdfunding, Crowdlending oder Crowdinvesting?

45 Prozent aller Deutschen haben schon einmal von Crowdfunding gehört, rund 17 Prozent wissen, dass Crowdfunding auch zur Immobilienfinanzierung genutzt wird, und immerhin 13 Prozent können sich vorstellen, via Crowdfunding in ein Immobilienprojekt zu investieren. Dies ergab die Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach vom März 2017 zur Bekanntheit von Crowdfunding. Dies ist durchaus bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass vor gerade einmal zehn Jahren das erste Crowdfunding-Projekt in Deutschland in die Kinderschuhe stieg. Die jüngere Geschichte des Crowdfunding ist damit ebenso kurz wie die der Smartphones, die inzwischen in aller Hände sind. Doch was verbirgt sich hinter Begriffen wie Crowdfunding, Crowdlending oder Crowdinvesting? Um die Entwicklung des noch jungen Marktes beurteilen zu können, müssen die verschiedenen Teilbereiche unterschieden werden.

Crowdfunding ist eine Finanzierungsform, bei der eine Vielzahl von Menschen die finanziellen Mittel zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels aufbringen. Eines der bekanntesten historischen Crowdfunding-Projekte ist die Finanzierung des Sockels der Freiheitsstatue im Jahr 1885. Als Geschenk des französischen Volks an die Vereinigten Staaten war zunächst unklar, wo die Statue ihren Platz finden würde. Der Stadt New York fehlten die finanziellen Mittel, die für einen Sockel und den Aufbau veranschlagt wurden. Rund 100.000 US-Dollar mussten dafür aufgebracht werden. Der Herausgeber Josef Pulitzer rief in seiner Zeitung The New York World die New Yorker Bürger zum Spenden auf und versprach, die Namen aller Spender in seiner Zeitung zu veröffentlichen. Innerhalb von fünf Monaten konnte das fehlende Geld von über 120.000 Spendern gesammelt werden – ein gelungenes Beispiel für spendenbasiertes Crowdfunding.

Eng verbunden mit dem spendenbasierten Crowdfunding ist das gegenleistungsbasierte Crowdfunding. Auch dort finanzieren Spender eine Idee oder ein Projekt (etwa einen Kinofilm), erhalten dafür jedoch eine nicht monetäre Gegenleistung (etwa Kinokarten). Auf diese Weise kamen im Jahr 2011 für die Finanzierung des Kinofilms Stromberg eine Million Euro zusammen. Beim Crowdlending und Crowdinvesting hingegen spielen für die Geldgeber vorwiegend monetäre Aspekte eine Rolle. Die Anleger finden hier Investitionsmöglichkeiten, die gerade in Zeiten niedriger Zinsen eine Alternative zu herkömmlichen Anlageformen darstellen.

Während sich Anleger beim Crowdinvesting über eine meist hybride Finanzierung (z.B. Nachrangdarlehen, stille Beteiligungen, partiarische Darlehen, früher auch stille Gesellschaften) an einem Unternehmen beteiligen, finden beim unechten Peer-to-Peer-Crowdlending zwei Transaktionen statt. Zum einen erhält der Finanzierungssuchende ein Darlehen von einem Kreditinstitut, parallel dazu werden die Ansprüche aus diesem Darlehen im Rahmen von Forderungskaufverträgen an Anleger weiterplatziert. In beiden Fällen haben die Anleger Anspruch auf eine Verzinsung beziehungsweise einen Gewinnanspruch und die Rückzahlung des investierten Kapitals. Und sie tragen das Bonitätsrisiko des Finanzierungssuchenden.

Crowdfunding findet heute fast ausschließlich auf Internet-Plattformen statt

Spielte im Jahr 1885 das gedruckte Wort noch eine große Rolle beim Zusammenkommen von Geldgebern und Finanzierungssuchenden, so findet Crowdfunding heute fast ausschließlich auf Internet-Plattformen statt. In Deutschland wurden 2007 erste Projekte im spenden- und gegenleistungsbasierten Crowdfunding über die Internet-Plattform „Betterplace“ realisiert. Ab 2010 gewann das Segment an Bedeutung, wobei zunächst überwiegend soziale und kreative Projekte unterstützt wurden und die weit verbreitete Fehlvorstellung genährt wurde, Crowdfunding sei (nur) ein Weg zur kleinvolumigen Finanzierung von off-Theatern und Sozialromantik. Ende 2015 gab es alleine im Bereich des spendenbasierten Crowdfunding immerhin 49 Plattformen mit einem platzierten Volumen von 36 Millionen Euro.

Deutlich weniger Artenvielfalt gibt es im Marktsegment des Crowdlending. Dieses wird von wenigen Internet-Plattformen beherrscht, Ende 2015 waren es gerade einmal neun. Trotz der wenigen Anbieter ist das Finanzierungsvolumen im Jahr 2015 mit rund 189 Millionen Euro jedoch mehr als fünfmal so hoch wie das gesamte Volumen des spendenbasierte Crowdfundings (36 Millionen Euro).

2011 stellte die Internet-Plattform Seedmatch die ersten beiden Finanzierung online, die dem Crowdinvesting-Segment zuzuordnen waren. Im Jahr 2015 warben in diesem Segment bereits 29 Plattformen ein Platzierungsvolumen von rund 47 Millionen Euro ein. Größtes Einzelprojekt war hierbei die Finanzierung des Immobilienprojektes Weissenhäuser Strand, dem Anleger 7,5 Millionen Euro zur Verfügung stellten, bis heute die größte Einzelfinanzierung, die im Rahmen eines Crowdinvestings in Deutschland realisiert wurde.

Im Jahr 2016 wurden insgesamt 64,4 Millionen Euro eingeworben

Wie sich das eingeworbene Volumen und deren Verteilung auf die verschiedensten Projekte über die Jahre verändert, lässt sich auf Crowdinvest.de verfolgen, wo regelmäßig aktuelle Platzierungszahlen für das Marktsegment Crowdinvesting veröffentlicht werden: Danach wurden im Jahr 2016 insgesamt 64,4 Millionen Euro eingeworben, verteilt auf insgesamt 123 Projekte. Bis Mitte Juli 2017 waren es bereits 78,5 Millionen Euro und 110 Projekte. Dies zeigt zwar ein insgesamt dynamisches Wachstum des Marktes, doch ein genauerer Blick auf die Hintergründe lohnt: Denn interessant ist die Verteilung der Gelder auf die verschiedenen Projektarten. So waren nur 39 Prozent der Projekte Immobilienprojekte, auf sie entfielen aber rund 62 Prozent des Platzierungsvolumens.

Zweitstärkstes Segment im Bereich des Crowdinvestings waren 2016 Finanzierungen für Start-up. Diese machten zwar 35 Prozent der Projekte aus, während nur rund 26 Prozent der eingeworbenen Gelder an Start-ups flossen. Das Marktwachstum des Crowdinvestings ist durch den starken Anstieg der Immobilien-Crowdfinanzierungen getrieben, während das klassische Marktsegment der Start-up-Finanzierung stagniert. Dieser Trend hält auch mit Blick auf die 2017er Zahlen an.

Ein Blick über die Grenzen lässt die einheimische Crowdfunding-Branche vor Neid erblassen oder wegen der vielleicht goldenen Zukunft jubilieren: Weitaus größere Crowdfunding-Volumen finden sich in den USA, wo 2008 die erste Crowdfunding-Plattform Indiegogo in San Fransisco an den Start ging und ein Jahr später der Wettbewerber Kickstarter in New York folgte. Dort haben sich die Platzierungen alleine im Bereich der crowdfinanzierten (!) Konsumentenkredite in den letzten drei Jahren von 7,1 Milliarden US-Dollar (2014) auf 21,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 verdreifacht. Ist eine vergleichbare Entwicklung in Deutschland möglich?

Die Schätzungen gehen weit auseinander, sowohl hinsichtlich des Gesamtmarktes als auch der Chancen der einzelnen Segmente. Während die Pessimisten von einer weitgehenden Stagnation ausgehen, halten die Optimisten für das Crowdlending nach weiteren zehn Jahren ein Volumen von deutlich mehr als einer halben Milliarde für möglich. Und so wie das Telefonieren bei der Benutzung von Smartphones zehn Jahre nach ihrer Erfindung eigentlich nur noch eine schöne Nebensache ist, so werden die jetzt an den Start gehenden Fintech-Unternehmen im Jahr 2027 sicher darüber schmunzeln, dass man über Internetplattformen auch Geld einsammeln kann.

Unsere Autorin Gritt Gräwe, Diplom-Kauffrau, ist Wirtschaftsmediatorin bei Hanselaw - Hammerstein und Partner, Hamburg. Der Beitrag ist zuerst erschienen im EXXECNEWS E-Magazin 2017.

www.hanselaw.de

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