
Digitale Versicherungsanbieter stehen unter deutlich höherem wirtschaftlichem Druck als noch vor wenigen Jahren. Denn Investoren und strategische Käufer bewerten Insurtechs zunehmend nach Profitabilität, Schadenquoten und Kapitalbedarf – während reines Wachstum und Reichweite an Bedeutung verliert. „Der Markt ist nicht ernüchtert, sondern gereift“, sagt Thorsten Hackspiel, Managing Partner und M&A-Berater bei dem Beratungsunternehmen ox8 Corporate Finance. Technologie allein reiche nicht mehr aus. Entscheidend sei vielmehr, ob das Versicherungsgeschäft langfristig wirtschaftlich tragfähig sei. Für viele Insurtechs verändern sich dadurch die Voraussetzungen für Finanzierungen und Unternehmensübernahmen grundlegend. Nach Einschätzung Hackspiels lässt sich der Strategiewechsel inzwischen auch anhand konkreter Kennzahlen belegen. „Der Markt belohnt im Insurtech heute nicht mehr Wachstum um jeden Preis, sondern belastbare Margen und operative Skalierbarkeit“, sagt er auf Anfrage von EXXECNEWS. So hätten digitale Versicherer ihre aggregierte EBITDA-Marge von minus 23,0 Prozent im Jahr 2022 auf minus 2,1 Prozent im Jahr 2024 verbessert. Für 2026 werde bereits eine positive EBITDA-Marge von 2,1 Prozent erwartet. Das sei ein klarer Beleg für den Wandel von „growth at all costs“ hin zu nachhaltiger Profitabilität. Unter Druck gerieten vor allem kapitalintensive oder wenig differenzierte Geschäftsmodelle. Dagegen profitierten Anbieter, die Versicherungsunternehmen bei der Steigerung ihrer operativen Effizienz unterstützen oder technologische Infrastruktur bereitstellen. Dazu gehören beispielsweise Lösungen für die Schadenbearbeitung, das Underwriting, die Betrugserkennung sowie Embedded-Insurance-Konzepte, bei denen Versicherungen direkt in digitale Kaufprozesse integriert werden. „Margenstarke Insurtech-Modelle, insbesondere im Bereich Infrastructure & Enablers, werden heute attraktiver bewertet als rein wachstumsstarke, aber ertragsschwächere Modelle“, so Hackspiel. Auch die jüngsten M&A-Transaktionen spiegelten diese Entwicklung wider. Käufer investierten zunehmend in Claims-, Pricing-, Underwriting- und Workflow-Technologien mit direktem Ergebnishebel. Als Beispiel nennt Hackspiel die Übernahme von EvolutionIQ durch CCC Intelligent Solutions im Dezember 2024 mit einem Unternehmenswert von rund 703 Millionen Euro. Die Transaktion zeige, dass strategische Käufer ihre Plattformen gezielt um KI-gestützte Claims-Funktionen erweitern, die operative Komplexität reduzieren und damit einen direkten Hebel auf Effizienz, Schadensteuerung und Profitabilität haben. Genau solche Transaktionen deuteten darauf hin, dass momentan vor allem Insurtech-Modelle mit messbarem Profitabilitätshebel strategisch besonders gefragt seien.
Gefährdet: Anbieter ohne Differenzierung im Vertrieb
Für den Markt bedeutet dies nach Einschätzung des M&A-Beraters eine weitere Konsolidierungsphase. Besonders gefährdet seien Anbieter ohne klare Profitabilität, ohne Differenzierung im Vertrieb und ohne messbaren Mehrwert in den Kernprozessen der Versicherer. „Gefährdet sind vor allem Insurtech-Modelle ohne proprietäre Datengrundlage und ohne tiefe Einbettung in Kernprozesse – also Anbieter, deren Funktionalität relativ leicht substituierbar ist und die keinen klar messbaren Mehrwert für Profitabilität oder Effizienz liefern“, erklärt Hackspiel. Kritisch seien insbesondere Geschäftsmodelle, bei denen Künstliche Intelligenz (KI) lediglich ein leicht imitierbares Feature und kein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil sei. Auch digitale Versicherer, die das Risiko selbst tragen, müssten ihre Profitabilität inzwischen belastbar nachweisen. „Digitale Versicherer ohne nachhaltige Underwriting-Disziplin dürften unter Druck geraten – also Modelle, die zwar wachsen, aber keine stabile Profitabilität auf Portfolioebene nachweisen können“, sagt Hackspiel. Besonders anspruchsvoll sei die Situation in schadenintensiven Sparten wie der Kfz-Versicherung, in der die Combined Ratio in Deutschland 2024 bei 106 Prozent gelegen habe. Bei der Bewertung von Insurtechs rücken daher heute andere Kennzahlen in den Mittelpunkt als noch vor wenigen Jahren. Neben EBITDA-Marge und Operating Leverage achteten Investoren insbesondere auf die Qualität der Umsätze, etwa Kundenbindung, Vertragslaufzeiten und den Anteil wiederkehrender Erlöse. Ebenso entscheidend seien die strategische Relevanz eines Anbieters durch tiefe Prozessintegration, hohe Wechselkosten und einen klar nachweisbaren Mehrwert für Versicherer. Bei risikotragenden Geschäftsmodellen spielten darüber hinaus Underwriting-Kennzahlen wie Combined Ratio, Loss Ratio und Pricing Discipline eine zentrale Rolle, weil sie unmittelbar über die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Geschäftsmodells entscheiden.
Die Entwicklung der Branche spiegele damit einen natürlichen Reifungsprozess wider. Während Insurtechs in der Anfangsphase vor allem auf Disruption und schnelles Wachstum setzten, rückt die Zusammenarbeit mit etablierten Versicherern in den Mittelpunkt. Ziel sei es, nachweisbare Effizienzgewinne zu erzielen und nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen. (DFPA/MB)
Der Beitrag ist zuerst in EXXECNEWS Ausgabe 15/2026 erschienen.