Schifffahrtsmarktbericht Q4/2017 der Ernst Russ AG

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Gesamtwirtschaftlicher Ausblick

Das Öl bestimmt weiterhin die Gesamtwirtschaft, die Erwartungen aus dem letzten Investor`s Quarterly sind nun Gewissheit. Die OPEC und zehn weitere Ölförderländer haben jüngst ihr Abkommen zur Begrenzung der Fördermengen bis Ende des Jahres 2018 verlängert. Seitdem das Abkommen Ende November 2016 verabschiedet wurde, ist der Ölpreis um über 20 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Eine Verlängerung war nach Ansicht aller Beteiligten notwendig, um dem Überangebot am Ölmarkt und einem intensiven Preiskampf weiter entgegenzuwirken. Erstmals haben sich Libyen und Nigeria dem Abkommen angeschlossen und wollen ihre Fördermengen im nächsten Jahr ebenfalls auf dem Niveau von 2017 konstant halten. Die Allianz aus OPEC und den übrigen teilnehmenden Ländern fördert knapp die Hälfte des weltweiten Öl-Angebots, die freiwillige Limitierung hat aber für den gesamten Markt die gewünschte Stabilisierung gebracht: Mit insgesamt 95,9 Millionen Barrel pro Tag wird in diesem Jahr fast genauso viel produziert wie im Vorjahr (minus 0,3 Prozent). Dies geht insbesondere zulasten der OPEC-Staaten, die von einem Rückgang der von ihnen geförderten Ölmenge von rund zwei Prozent ausgehen.

Für das kommende Jahr wird wieder ein Anstieg der weltweiten Fördermengen um 1,8 Prozent erwartet – insbesondere aufgrund der anhaltend hohen Produktion in Nordamerika (USA und Kanada). Aber auch aus dem Iran kann man vernehmen, dass er die Ölförderung voraussichtlich wieder erhöhen wird, nachdem die wirtschaftlichen Sanktionen seit 2016 gelockert oder aufgehoben wurden und damit weiteres Volumen für Öl-Exporte ermöglicht wurde. Die Ölproduktion der USA wird voraussichtlich noch weiter zunehmen, weil ein Produktionsmengenzuwachs durch die Schieferöl und -gas in der Größenordnung bis eine Million Barrel pro Tag erwartet wird.

Derzeit zahlen Unternehmen in den USA 35 Prozent Körperschaftssteuer. Im Rahmen der im Dezember 2017 beschlossenen Reform des Steuersystems ist eine Senkung der Körperschaftssteuer auf 20 Prozent vorgesehen, wodurch die USA dann im Schnitt unter dem durchschnittlichen Steuerniveau der weltweiten Industriestaaten von rund 22,5 Prozent liegen würden. Zudem sieht die Reform eine Besteuerung von Zahlungen an Konzernteile außerhalb der USA mit 20 Prozent vor, dadurch würde jedoch gegen das Doppelbesteuerungsabkommen verstoßen und nicht amerikanische Unternehmen diskriminiert werden. Unter anderem deshalb haben die Finanzminister Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Spaniens und Deutschlands einen Brief mit Warnungen vor den Folgen der Steuerreform an den Finanzminister der USA geschickt. Die Steuerreform würde Nachteile für ausländische Unternehmen hervorrufen, wodurch sich eine Marktverzerrung ergeben würde. Insbesondere würden die Finanzmärkte sowie der Verkehr internationaler Banken und Versicherungen beeinträchtigt werden. Inwieweit die derzeit in Diskussion stehenden Änderungen beschlossen und umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Den internationalen Handel werden die Änderungen in den USA jedoch auf jeden Fall beeinflussen.

Tankermarkt

Die Angebotsseite

Im November 2017 umfasste die gesamte Tankerflotte insgesamt 14.497 Schiffe mit rund 605,2 Millionen deadweight tonnage (dwt). Knapp die Hälfte dieser Schiffe (6.600) hat eine Kapazität von mehr als 10.000 dwt und machen damit gemessen an der Gesamtkapazität rund 96 Prozent der Tankerflotte aus. Diese Flotte größer als 10.000 dwt setzt sich zusammen aus 2.023 Rohöltankern (387,5 Millionen dwt), 2.954 Produktentanker (158,7 Millionen dwt), 1.608 Chemikalientankern (34,8 Millionen dwt) sowie 15 spezialisierten Tankschiffen (0,4 Millionen dwt). Insgesamt soll die Tankerflotte größer als 10.000 dwt gemessen an der Kapazität 2017 im Bereich der Rohöltanker um 6,2 Prozent und der Produktentanker um 4,3 Prozent wachsen. Das Überangebot an Tonnage hat den Markt für Tankschiffe daher 2017 weiterhin negativ beeinflusst. Für 2018 wird allerdings ein deutlich moderateres Flottenwachstum von 3,8 Prozent für Rohöl- und 2,4 Prozent für Produktentanker erwartet. Positiv hierauf wirkt sich unter anderem das stetig kleiner werdende Orderbuch aus. Standen Ende 2015 noch 293 Rohöltanker (71,5 Millionen dwt) und 420 Produktentanker größer 10.000 dwt (25,9 Millionen dwt) in den Büchern, sind es im November 2017 nur noch 236 Rohöltanker (47,2 Millionen dwt) und 231 Produktentanker größer als 10.000 dwt (14,3 Millionen dwt).

Die Nachfrageseite

Während die weltweite Ölproduktion aktuell stagniert, soll die Nachfrage nach Rohöl 2017 insgesamt um rund 1,6 Prozent steigen. Der Haupttreiber des Nachfragewachstums sind dabei die Nicht-OECD-Staaten in Asien, in denen 2017 rund vier Prozent mehr Öl nachgefragt wurde – die Nachfrage dieser Staaten allein macht bereits rund 35 Prozent der globalen Nachfrage aus. 2018 beträgt das prognostizierte Nachfragewachstum nur noch 1,4 Prozent. Der Seehandel für Rohöl und raffinierte Ölprodukte entwickelte sich im laufenden Jahr etwas besser als die allgemeine Ölnachfrage. So stiegen die per Schiff gehandelten Rohöl-Exporte 2017 trotz der begrenzten Fördermengen durch das OECD-Abkommen weltweit um 2,8 Prozent auf 40,2 Millionen Barrel pro Tag, unter anderem getrieben von den gestiegenen Importsummen Chinas (plus elf Prozent in 2017). Im Segment der Produktentanker sollen die Handelsmengen 2017 um 2,9 Prozent auf 23,8 Millionen Barrel pro Tag zunehmen. Unter anderem machen die gestiegenen Importe Lateinamerikas bereits 35 Prozent des Nachfragewachstums aus. Probleme in diversen Raffinerien in den dortigen Ländern haben für eine zunehmende Nachfrage nach Ölprodukten gesorgt. Aufgrund der beschriebenen Entwicklungen am Markt wird für 2017 ein Nachfragewachstum nach Rohöltankern von 4,9 Prozent und nach Produktentankern von 3,5 Prozent erwartet.

Zeitcharterraten

Aufgrund des anhaltenden Ungleichgewichts von Angebot und Nachfrage sind die Ein-Jahres-Zeitcharterraten sowohl für Rohöl- als auch für Produktentanker im Jahresdurchschnitt gefallen. So verdienten VLCC-Tanker 2017 bislang im Schnitt 27.283 US-Dollar pro Tag (Januar bis November) und damit rund 25 Prozent weniger als 2016. Auch die durchschnittlichen Einnahmen 2017 der anderen Rohöltanker-Klassen Aframax und Suezmax sanken um rund 28 Prozent auf 15.535 US-Dollar pro Tag beziehungsweise um rund 32 Prozent auf 18.628 US-Dollar pro Tag. Man darf dabei jedoch nicht außer Acht lassen, dass die Zeitcharterraten immer etwas verzögert auf die Spot-Charterraten reagieren. Bei genauerer Betrachtung dieser ist davon auszugehen, dass sich der negative Trend in den Zeitchartern fortsetzt. Die Spot-Raten bei VLCC liegen beispielsweise bis zu 17.000 US-Dollar pro Tag unter den Zeitcharterraten, für Aframax-Tanker liegt die Differenz zwischen Zeit- und Spot-Rate bei 6.000 US-Dollar pro Tag. Bei den Produktentankern zeigt sich mit Charterraten von im Schnitt 13.075 US-Dollar pro Tag für die LR1-Tanker (minus 28 Prozent), 11.341 US-Dollar pro Tag für 37.000 dwt-Tanker und 13.157 US-Dollar pro Tag für MR-Tanker ein ähnliches Bild. Die Entwicklung der Ein-Jahres-Charterraten für die Produktentanker zeichnet allerdings ein leicht positiveres Bild als bei den Rohöltankern, da die zuletzt erzielten Raten über alle betrachteten Größenklassen hinweg über dem Niveau des Vorjahresmonats beziehungsweise auch über den zu Beginn des Jahres 2017 erwirtschafteten Einnahmen lagen.

Ausblick

Insgesamt zeigte sich der Markt für Tanker 2017 schwach, obwohl die Nachfrage sowohl nach Rohöl- als auch nach Produktentankern auf ein gutes Niveau gestiegen ist. Das nach wie vor bestehende Überangebot konnte die Nachfrage allerdings nicht kompensieren, so dass auch die Charterraten für Tanker im Jahresverlauf weiter nachgaben. Für 2018 sind die Aussichten aber verhalten positiv, da das erwartete Nachfragewachstum (plus 4,9 Prozent für Rohöltanker, plus 3,7 Prozent für Produktentanker) das Flottenwachstum (plus 3,8 Prozent für Rohöltanker, plus 2,4 Prozent für Produktentanker) erstmals wieder übersteigt. Die bestehenden Überkapazitäten werden den Markt jedoch weiter unter Druck setzen.

Der vollständige Schifffahrtsmarktbericht Q4/2017 umfasst neben dem Tanker- auch das Container- und das Bulkersegment. Er ist erschienen in der aktuellen Ausgabe von Investor‘s Quarterly, dem vierteljährlichen Newsletter der Ernst Russ AG zu den Themen Schifffahrt, Wirtschaft und Finanzen. Eine Download-Möglichkeit finden Sie auf dem Internetauftritt des Unternehmens unter:

www.ernst-russ.de/de/news/investors-quarterly

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