Yogatech statt Fintech

Rene Delrieux
Rene Delrieux

Für die Interviewreihe „Auf den Punkt“ stellt die Redaktion von EXXECNEWS INSTITUTIONAL Fragen an Branchenmitglieder und Investoren. Für die Ausgabe 06/2018 haben wir Rene Delrieux interviewt, einen ehemaligen langjährigen Mitarbeiter des Finanz- und Technologieanbieters Netfonds, der kürzlich auf die Seite eines Startups gewechselt ist.

INSTITUTIONAL: Bis Ende 2017 waren Sie bei Netfonds der Hauptansprechpartner für Fondsgesellschaften in puncto Vertriebsstrategien. Seinerzeit hielten Sie den Trend rund um Fintech bereits für überspitzt und haben dann die Branche verlassen. Was waren Ihre Beweggründe?

Delrieux: Es gab mehrere Aspekte, die bezüglich meiner Entscheidung für den Branchenwechsel eine Rolle spielten. Auf der Plusseite sei jedoch zunächst einmal gesagt, dass ich sowohl meine Tätigkeit als auch die thematische Mischung aus Finanzen und Technologie durchaus mochte. Zudem schätze ich die zunehmende Digitalisierung in der Finanzbranche als positiv ein. Mein einziger Kritikpunkt galt und gilt der mangelhaften Umsetzung dieses Prozesses. Als Kundenberater lernte ich früh, wie wichtig es ist, Kunden Gehör zu schenken und das jeweilige Angebot genau auf die individuellen Bedürfnisse des Gegenübers auszurichten – dasselbe Prinzip kommt auch bei der Softwareentwicklung zum Tragen. Im Gegensatz dazu schlägt bei vielen Fintechs eher blinder Aktionismus um sich: So wird oft erst einmal die jeweilige Idee entwickelt und umgesetzt, während Überlegungen bezüglich der Beschaffenheit und Bedürfnisse der Zielgruppe nur selten in die Planung einfließen.

INSTITUTIONAL: Yoga statt Finanzen – wie kam es zu dieser Interessenverschiebung?

Delrieux: Die Finanzbranche ist zweifelsohne schnelllebig und bietet damit einen idealen Nährboden für Stress. Im Laufe der Jahre bemerkte ich die Auswirkungen von zu viel Stress im Arbeitsalltag bei immer mehr Kollegen. Auch ich selbst war der konstanten Überbeanspruchung gegenüber nicht immer immun. Yogapraxis und verwandte Themen wie Meditation und gesunde Ernährung stellten die ideale Gegenstrategie dar. Meinem wachsenden Interesse nachgehend, besuchte ich im Sommer 2016 ein Yoga-Festival in Bulgarien. Dort erlebte ich dann einige der in der Branche vorhandenen Probleme mit. Meine Gründerkollegen und ich erkannten schnell großen Verbesserungsspielraum und mögliche Lösungen. Darauf basierend folgte wenige Monate später dann die Gründung unseres Yogatech-Startups yoganect. Aus meiner Sicht ist die berufliche Ausrichtung weg von der Finanzbranche und hin zum Yoga-Markt letztendlich gar keine so große Umstellung gewesen. Schließlich geht es in beiden Branchen um die Generierung von Mehrwerten und das Reduzieren von Risiken.

INSTITUTIONAL: In der Finanzwelt stellt das Reduzieren oft eine Herausforderung dar. Wie gelingt dies im Bereich Yogatech?

Delrieux: Wir kombinieren die Leidenschaft für Yoga mit den Anforderungen des digitalen Zeitalters. Unsere Plattform bündelt Yoga-spezifische Angebote und Inhalte, die genau den Interessen und Vorlieben der User entsprechen. In den USA betreiben bereits über 30 Millionen Menschen regelmäßig Yoga. Noch beeindruckender ist die Zahl der 80 Millionen Interessenten, die angeben, in den nächsten Monaten mit Yoga beginnen zu wollen. In Anbetracht der mittlerweile über 120 weltweit angebotenen Yoga-Arten ist jedoch gerade der Einstieg in die Yogapraxis häufig eine Herausforderung. Mit unserem Start-up wollen wir Barrieren reduzieren und den Zugang zu Yoga erleichtern.

INSTITUTIONAL: Inwiefern kommen Ihnen die Erfahrungen aus Finanzbranche bei der Startup-Unternehmung zugute?

Delrieux: Gerade als Startup besteht die Herausforderung weniger darin, sein Projekt inhaltlich umzusetzen, als vielmehr darin, nicht an mangelnden Ressourcen oder dem Aufbringen der notwendigen Ausdauer zu scheitern. Die Finanzwelt hat mich vor allem gelehrt, geduldig zu sein und langfristig zu planen. Darüber hinaus habe ich als Mitarbeiter der Netfonds AG den achtsamen Umgang mit Kapital erlernt und erhielt das passende Handwerkszeug für die Kapitalbeschaffung. Und wenn man wie in meinem Fall über mehrere Jahre bei demselben Arbeitgeber tätig war, resultiert daraus natürlich auch der vereinfachte Aufbau eines großen und nützlichen Netzwerks.

INSTITUTIONAL: Welche Meilensteine wollen Sie als nächstes erreichen?

Delrieux: Wir werden in den Sommermonaten unsere Beta-Version fertigstellen und mit unseren 300 B2B-Kunden testen. Vor allem die User-Experience ist für uns ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die anschließende Markteinführung wird derzeit vorbereitet. Dazu zählt auch eine laufende Kapitalerhöhung. Uns liegen bereits erste Finanzierungszusagen, darunter von zwei Family Offices aus Deutschland und einem Privatinvestor aus den USA, vor. Für die aktuelle Finanzierungsrunde sowie künftige Finanzierungen sind wir auf der Suche nach weiteren Partnern und setzen uns bereits in den kommenden Wochen mit interessierten Investoren zusammen.

INSTITUTIONAL: Wie würden Sie die derzeitigen Erwartungen von Venture-Capital-Investoren zusammenfassen?

Delrieux: Für uns bestätigt sich, was in letzter Zeit häufiger zu lesen ist: Der Markt um Venture Capital wird gegenwärtig härter umkämpft als noch vor fünf Jahren, und das eigentliche Risikokapital wird mittlerweile immer mehr von Business Angels anstatt Venture-Capital-Firmen eingebracht. In Zeiten, in denen die klassische geschlossene Beteiligung etwas in den Hintergrund gerät, werden direkte Beteiligungen an Startups zur attraktiven Alternative. Der direkte Kontakt zwischen Geschäftsführung und Investoren, die persönliche Note des Investments, wird dabei immer wichtiger. Schließlich geht es vielen Investoren nicht nur um eine finanzielle Rendite, sondern auch darum, etwas zu bewirken.

INSTITUTIONAL: Finanzthemen wie Investor Relations dürften Ihnen dann weiterhin am Herzen liegen?

Delrieux: In der Tat. Durch die langjährige Tätigkeit im Bereich der Fondsanalyse und dem Aufbau von Vertriebsstrukturen bin ich ein großer Verfechter von Transparenz und klarer Kommunikation. Ich war oft enttäuscht darüber, dass Gesellschaften ausschließlich gute Neuigkeiten mitzuteilen schienen, schwierige Botschaften jedoch selten angemessen kommuniziert wurden. Seit der Gründung unseres Startups pflegen zu all unseren Investoren einen engen Kontakt.

René Delrieux ist CEO der yoganect S.A. mit Sitz in Grevenmacher (Luxemburg). Das Technologieunternehmen wurde im August 2016 gegründet und hat sich auf die Entwicklung von SaaS-Lösungen für den Yoga-Markt spezialisiert. Die Plattform ermöglichen Usern, mobil & bequem, ihr personalisiertes Yoga-Angebot zu finden, buchen und zu bezahlen.

Das Interview ist in gekürzter Form zuerst erschienen in EXXECNEWS INSTITUTIONAL Ausgabe 06/2018.

www.yoganect.com

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