Das große Missverständnis Geldpolitik

Thomas Boeckelmann
Thomas Böckelmann

Kommentar von Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch GmbH, im Anschluss an die Entscheidung der EZB vom 12. September 2019, die Geldpolitik weiter expansiv zu gestalten:

Mario Draghi hat heute bei seinem letzten Auftritt als Notenbankchef die Mindesterwartungen der Marktteilnehmer erfüllt - eine Zinssenkung auf minus 0,5 Prozent bei Einführung einer Mengenstaffel sowie die zeitlich unbegrenzte Wiederaufnahme des Staatsanleihekaufprogrammes. Aber was bedeuten all diese heute veröffentlichten Nachkommastellen und Marktreaktionen für die reale Wirtschaft? Wenig bis nichts. Den Marktteilnehmern geht es bei geldpolitischen Maßnahmen in erster Linie um die Flutung mit Liquidität, die sich ihren Weg in Form steigender Kurse in die meisten Anlageklassen bahnt. Die Wertanstiege von Aktien, Anleihen und Immobilien in den letzten Jahren sind zu einem nicht geringen Anteil auch Folge der Geldpolitik internationaler Notenbanken. Daneben wird den Notenbanken neben Rezessionsschutz auch eine Funktion als Krisenversicherung zugeschrieben, die es im Zweifel schon richten wird. Diese Eindrücke verfestigen sich in dem Maße, wie die eigentlich politisch Verantwortlichen versagen. Man darf wohl ohne Zweifel behaupten, dass Mario Draghi mit seinem beherzten Eingreifen „whatever it takes“ die Eurozone gerettet hat. Auch zuvor hat die US-Notenbank während der ersten Monate der Finanzkrise durch gezielte Maßnahmen gezeigt, wie wertvoll die Notenbanken als eine Art Absicherung oder „Put-Option“ in einer immer komplexer werdenden Welt für die Kapitalmärkte sind.

Allerdings haben die Aktionen den Handlungsdruck von der Politik genommen, notwendige Reformen endlich anzugehen. Insofern hoffen auch Politiker auf ein „weiter so“ und beschäftigen sich lieber mit sich selbst. Dabei droht angesichts globaler Handelsstreitigkeiten, unterfinanzierter Rentensysteme oder modernen Tragödien wie dem Brexit eine unmittelbare Überforderung der Geldpolitik. Zumindest bei den nahezu durchgängig negativen Zinsen in der Eurozone stellt sich die berechtigte Frage nach deren Wirksamkeit, Kritik an den zu befürchtenden Nebenwirkungen wird immer lauter. Die reale Wirtschaft scheint kaum mehr auf Impulse der Notenbanken zu reagieren, vielmehr sind die Geschäftsmodelle der Banken als verlängerter Arm der Geldpolitik immer mehr in Bedrängnis. Negative Zinsen führen faktisch zu Fehlallokationen, da der Zins keine Lenkungsfunktion beim Investieren erfüllt und als Risikomesser Fehlsignale gibt.

Aber warum dann das Ganze? Zumal die Weltwirtschaft, auch die europäische, wächst. Zwar nur moderat und in vereinzelten Branchen zeichnet sich eine Rezession ab, aber diese sind ohnehin oft von langfristig wirksamen Disruptionen wie der Digitalisierung betroffen. Alles andere wie Handelsstreitigkeiten oder der Brexit, die das Vertrauen der Wirtschaft nachhaltig belasten, sind politisch gemacht und können auch nur politisch gelöst werden.

Die Notenbanken verweisen gerne als Begründung für ihr aktuelles Handeln auf die hartnäckig niedrige Inflation. Um die zwei Prozent sollten es schon sein – so das vorherrschende Meinungsbild. Dabei werden zwei Dinge ignoriert. Zum einen wirken Globalisierung und Demographie strukturell deflationär auf die bestehenden Warenkörbe zur Berechnung der Inflation. Zum anderen sind die Warenkörbe nur bedingt geeignet, ein reales Bild der Inflation zu zeigen – so sind zum Beispiel die mit steigenden Mieten verbundenen deutlich gestiegenen Kosten extrem unterrepräsentiert. Auch die durch die Geldpolitik mitverursachten Vermögenspreisanstiege wie bei verteuerten Immobilien werden faktisch nicht erfasst. Diese Tatsache nährt den Verdacht, dass der Kampf gegen die „niedrige“ Inflation vordergründig ist und ganz andere Aspekte das Leitmotiv prägen.

Donald Trump - über den man denken mag, was man will – hat die Zusammenhänge erkannt. So forderte er diese Woche von den „Boneheads“ (Dummköpfen) seiner Notenbank Fed auch einen Zinssatz von null Prozent oder niedriger wie bei den Europäern. Richtig, es geht um die maximal günstige Staatsfinanzierung und die Beeinflussung der Wechselkurse, um die eigene Wirtschaft zu begünstigen. Trump spricht nur aus, was viele hinter den Kulissen denken. Auch in der zunehmenden Politisierung der Notenbanken durch die Entsendung ehemaliger Politiker an deren Schaltstellen mag man eine Bestätigung sehen. Ökonomisch gut begründete Kritik gegen oder Zweifel am Ankauf von Staatsanleihen wie jüngst durch Vertreter Deutschlands, Frankreichs und den Niederlanden (immerhin zusammen mehr als 50 Prozent der Wirtschaftskraft der Eurozone) gehen unter angesichts einer politisch motivierten Mehrheit in der Zentralbank, die Staatsfinanzierungskosten weiter zu senken. Ohne eine tiefgreifende Änderung der bestehenden Geldpolitik dürfte sich daran auch nichts ändern, zumal bei restriktiverer Haltung über die Wechselwirkung von Finanzmärkten und realer Wirtschaft eine Rezession immer wahrscheinlicher würde.
Auch wenn es widersprüchlich anmutet, so ist es doch mehr als opportun, diese historisch einmaligen Geldgeschenke anzunehmen. Wer sich wie die deutsche Regierung für eine „schwarze Null“ auf die Schulter klopft, hat das aktuelle Wesen der Geldpolitik nicht verstanden. Die Notenbank handelt so, damit sich Staaten verschulden und fiskalpolitisch die Herausforderungen der Zeit maximal günstig lösen können. Was Mario Draghi an Überzeugungsarbeit in einem realitätsfernen Berlin nicht leisten konnte, wird Christine Lagarde ins Aufgabenbuch geschrieben.

Thomas Böckelmann ist leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch GmbH, einer bankenunabhängigen Vermögensverwaltung mit Sitz in Frankfurt am Main.

www.euroswitch.de

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